Gut zu wissen

Zum besseren Verständnis der Ortslage muss gesagt werden, dass Petra als Ort im Sinne einer Verwaltungseinheit gar nicht existiert, sondern nur als ortsähnliche, große Ruinenstadt (die 900 m über dem Meeresspiegel liegt). Petra ist das antike Anhängsel an den Ort Wadi Musa, in dem alle notwendige Infrastruktur besteht, um die Ruinenstätte aus touristischer Sicht betreiben zu können. Fast jeder Besucher Petras betritt die Region praktisch an der Mosesquelle (Musa), in 1350 m Höhe, die dem Ort den Namen gab.

Der Moses-Bach, der von alters her auch Petra mit Wasser versorgt, entspringt neben dem MUSA SPRING HOTEL. Sein Quellbereich wurde 1987 mit einem Kuppelbau überdeckt; links neben der klaren, gut schmeckenden Quelle liegt der Stein, auf den Moses geschlagen haben soll, um hier Wasser fließen zu lassen. Nicht zuletzt wegen dieser nicht versiegenden Quelle war das Wadi schon lange vor den Nabatäern besiedelt, bereits die Edomiter sind nachweisbar. Die modernen Häuser und Hotels stehen zum Teil auf nabatäischen Grundmauern.

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Bereits vom oberen Wadi Musa aus sind die Gebirgsstöcke zu erkennen, die das eigentliche Ziel, die NabatäerKönigsstadt, verdecken. Die Straße fällt steil hinunter in den Ortskern von Wadi Musa und endet am Visitor Center von Petra (etwa 1000 m Höhe). Das berühmteste historische Denkmal Jordaniens liegt, geheimnisvoll verborgen, inmitten einer bizarren Felslandschaft. Hier am Visitor Center kauft sich der Besucher mit der Eintrittskarte sozusagen den Schlüssel zum Geheimnis, muss aber noch eine ganze Weile laufen, bis sich die – unsichtbare – Tür öffnet und er, schier geblendet, mit der Khazne Faraun gleich die größte Attraktion zu Gesicht bekommt.

In einer 2005 begonnenen Internetwahl über das Kulturerbe der Menschheit sollten die modernen Sieben Weltwunder ermittelt werden. Von insgesamt 100 Mio Stimmen fielen auf Petra ca. 22 Mio. Die Neuen Sieben Weltwunder wurden 2007 in Zürich vorgestellt: Neben Petra, das schon seit 1985 auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste steht, kamen das Kolosseum in Rom, Chichen Itza in Mexiko, die Chinesische Mauer, die Christusstatue in Rio de Janeiro, Machu Picchu in Peru und das Taj Mahal in Agra in den Kreis der Weltwunder.

Sehenswertes

****Siq, faszinierende, sehr enge Schlucht, die nach Petra führt, S. 304

****Khazne Faraun, das schönste Felsbauwerk Petras mit wohlausgewogenen
Proportionen und vergleichsweise zarten Stilelementen, S. 306

****Königswand, großartige Gräberfassaden hochgestellter Persönlichkeiten, S. 312

****Ed Deir, hochgelegener, der Khazne Faraun ähnlicher Tempel, über steilen Weg
zu erreichen, S. 316

****Byzantinische Kirche, hervorragende Mosaike, S. 311

****Großer Opferplatz und östliche Farasa-Schlucht, hochgelegener sakraler Platz
mit gutem Ausblick, interessante Relikte in der Schlucht, S. 313

****Qasr el Bint, nabatäischer Haupttempel Petras, von Ausmaßen her
beeindruckendes Gebäude, S. 310

****Großer Tempel, auch in Ruinen beeindruckender römischer Tempel, direkt am
Cardo Maximus, S. 309

****Theater, in eine Felswand integriert, imposant, S. 308

****Äußerer Siq, vielfältige Fassaden der Zinnengräber und Theaternekropole, S. 308

****Petra by Night, im Kerzenschein durch den Siq, Beduinenmusik vor der Khazne
Faraun, ein stimmungsvolles Erlebnis, S. 324

****El Khubtha, der Gebirgsstock rechts des Siq kann auf Treppen bestiegen werden
und bietet herrliche Aussicht, besonders auf die Khazne Faraun, S. 319

****El Barid, Vorort oder Mini-Petra mit einem kleinen Siq, Tempelfassade mit
Freskenfragmenten, etwa 9 km entfernt, S. 322

****El Habis, Hügel mit Kreuzritterburg-Ruinen und schöner Aussicht, S. 307

****Jebel Haroun, höchster Berg Petras mit Haroun-Moschee, etwas schwierig
zu erreichen, S. 321

Die Nabatäer – ein erstaunliches Volk

In Ergänzung der Ausführungen zur Geschichte der Nabatäer in Kapitel 3 (Reiseführer s.S. 78) wollen wir hier etwas tiefer auf das erstaunliche Volk eingehen, das ohne Petra und ein paar andere Stätten, wie so viele andere Beduinenstämme historisch nicht in Erscheinung getreten wäre. Dass wir im Laufe der folgenden Betrachtungen einige Angaben wiederholen, soll der Anschaulichkeit dienen; denn in Petra steigt die Neugierde auf die Menschen, die das heutige Weltkulturerbe schufen.

Hintergrund: Die Nabatäer – ein semitischer Nomadenstamm – tauchen 312 vC zum ersten Mal nachweisbar aus dem Dunkel der Geschichte auf und werden 328 nC zum letzten Mal erwähnt. Woher sie kamen, darüber gibt es nur Spekulationen; ihr Einmarsch in die Geschichte erfolgte wie ein Paukenschlag. Der Historiker Diodorus berichtet, dass 312 vC ein griechisches Heer von 4 600 Mann gegen die Nabatäer anrückte. Es wurde aber so fürchterlich geschlagen, dass nur 60 Soldaten zurückkehrten.

Zu jener Zeit lebten die Nabatäer noch eher beduinisch, allerdings auch schon von der Kontrolle der Weihrauchstraße und der Asphaltgewinnung aus dem Toten Meer. Sie hatten Petra als ihre Hauptstadt auserkoren, nicht zuletzt, weil sie zwischen Felsschluchten fast uneinnehmbar geschützt war, durch die nicht versiegende Quelle Ain Musa inmitten wüstenhafter Landschaft über ausreichend Wasser verfügte und zudem günstig in Bezug auf die Handelswege lag. Um die Zeitenwende wurden die Nabatäer als fest siedelndes, sehr wohlhabendes Volk geschildert, das inzwischen auch Landwirtschaft betrieb. In Petra lebten zu jener Zeit etwa 2000 Menschen. Laut Geschichtsschreiber Strabo wurde derjenige bestraft, der sein Vermögen verminderte; was die wirtschaftliche Ausrichtung der Nabatäer unterstreicht. Mit Aretas I hatte um 169 vC der erste bekannte Nabatäer-König die Macht übernommen; ihm folgten bis 106 nC zehn Herrscher, deren letzter Rabel II war. Er war bereits von Rom abhängig; schließlich ging im Jahr 106 nC das Nabatäerreich endgültig in der Arabischen Provinz Roms auf.

Doch der geschichtliche Weg Nabatäas verlief nicht geradlinig, sondern war wie üblich mit Erfolgen und Niederlagen gespickt. Die Ptolemäer, die Nachfahren Alexanders des Großen, gingen militärisch immer mal wieder gegen die Händler vor und versuchten zusätzlich, ihnen ihre Handelsrouten abzunehmen oder zu untergraben. So ließ Ptolemäus II, der 285-246 vC regierte, einen Kanal vom Roten Meer zum Nil bauen und südlich vom nabatäischen Hafen Wejh, an der arabischen Rotmeer-Küste, einen eigenen Handelshafen errichten, um den Land- durch Seetransport zu ersetzen.

Im 1. Jh vC gab es Ärger von Seiten der jüdischen Hasmonäer, die den Handelshafen Gaza einnahmen, und außerdem von den Seleukiden, die sich von Norden her anschickten, die Damaskus-Handelsroute unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Herausforderungen fielen in die Blütezeit Nabatäas, sowohl die Seleukiden als auch die Hasmonäer wurden geschlagen. Auch unter den Augen Roms, das inzwischen als Großmacht in Palästina auftrat, hielten die Streitereien an, unter anderem auch mit Herodes dem Großen, der sich erfolgreich in Machärus und Madaba festsetzte.

Mit Diplomatie, Verschlagenheit und Tricks versuchten die Händler gegen Rom zu bestehen. Als sie z.B. ein Eroberungsheer von Kaiser Augustus in die Weihrauchländer – die Quelle ihres Einkommens – führen sollten, umging der raffinierte Nabatäer-Führer die Oase Yathrib (heute Medina) und ließ die Truppe sechs Monate durch die Wüste ihrem Ziel entgegen marschieren. Dort angekommen, waren die Mannschaften so entkräftet, dass sich der Feldzug als Fehlschlag erwies – die Nabatäer aber weiterhin ‚Arabia Felix’ handelsmäßig kontrollierten.

Die Römer setzten schließlich auf den Wasserweg. Sie lernten, die Tücken des gefürchteten Roten Meeres durch bessere Navigation zu beherrschen. Den Nabatäern entglitt das Handelsmonopol, ihr letzter König, Rabel II, stellte die Weichen für die Zukunft in Richtung Landwirtschaft – sicher nicht ohne landesweite “Umschulungsmaßnahmen”. Die Integration des nabatäischen Reiches in die römische Provinz Arabia scheint daher relativ reibungslos abgelaufen zu sein. Wahrscheinlich sahen die pragmatischen Exhändler, dass es für sie unter der neuen politischen Konstellation kaum eine bessere Lösung gab.

Die Staatsform des Händlervolkes ist recht erstaunlich: Sie errichteten einen “Karawanenstaat”, d.h. ihre politischen Interessen bezogen sich auf den Handel und die Sicherung der Handelswege. Um die Zeitenwende erstreckte sich ihr Einflussbereich von Damaskus im Nordosten bis in die Gegend des heutigen Medina im Süden, und im Westen bis ans ägyptisch-ptolemäische Reich auf dem Sinai. Speziell auf der arabischen Halbinsel kontrollierten sie die wichtigen und gewinnbringenden Handelsrouten, auf denen, von Weihrauch und Myrrhe über Gewürze bis hin zu chinesischer Seide, die begehrten Luxusartikel der damaligen Zeit transportiert wurden. Ihr Geschäftskonzept war einfach: Durch eine nahezu wasserdichte Abschottung hielten sie die Erzeuger und deren Kunden strikt voneinander getrennt; die Handelsspanne zwischen beiden bestimmten allein sie.

Allem Anschein nach hatten die Nabatäer eine gute, ja sogar fast glückliche Symbiose gefunden: Da sie nicht oder nur wenig in Konkurrenz zu den landwirtschaftlich orientierten Einwohnern der von ihnen kontrollierten Gebiete traten, entstanden auch kaum Spannungen; von innenpolitischen Auseinandersetzungen mit Waffengewalt ist historisch so gut wie nicht die Rede. Es scheint, dass die fremden “Untertanen” vielleicht sogar recht froh waren, von der schnellen, kampferprobten nabatäischen Truppe beschützt zu werden und in Frieden ihrer Landwirtschaft nachgehen zu können. Vermutlich war wohl auch die Abgabenlast recht gering, denn die Händler beuteten die fernen Endverbraucher aus.

Im Orient weithin anerkannt war die Wasserbaukunst dieses Wüstenvolkes. Noch heute sind vereinzelt nabatäische Zisternen in Betrieb, die ja nur das letzte Glied in der Wassersammlung darstellen. Im Negev renovierten die Israelis Wassergewinnungssysteme der Nabatäer und konnten nachweisen, dass geringste Wassermengen, bis hin zum Tau, aufgefangen, geschickt und verlustarm weitergeleitet und gesammelt wurden. In Petra kann jeder Besucher die ehemaligen Wasserleitungen an vielen Stellen verfolgen, die nur einen kleinen Ausschnitt der ausgeklügelten Gesamtversorgung darstellen.

Bei einer Untersuchung des Wasserleitungssystems von Petra, Ende der 90er-Jahre, zeigte sich, wie geschickt die Betreiber mit dem kostbaren Nass umzugehen wussten. Denn während der Wintermonate können Flutwellen durch die Wadis stürzen, im Sommer trocknen sie aus. Allein in den Siq entwässern vier Wadis, die gewaltige Fluten durch die enge Schlucht schicken und zu großen Schäden sowie Gefahren führen können. Daher sorgten die Wasserbau-Ingenieure der Nabatäer zunächst für eine Verringerung der Wassergeschwindigkeit, dann für Speicherung. Insgesamt konnten 143 Barrieren, in den Wadis und nahezu ebenso viele auf Terrassen, identifiziert werden. 30 Dämme und sieben Zisternen sorgten für die Speicherung; mithilfe eines intelligenten Kanalsystems wurden die Felder bewässert. Zur “Gefahrenabwendung” bei heutigen Sturzfluten im Siq wurden einige der Nabatäer-Maßnahmen wieder instand gesetzt; weitere Rekonstruktionen sollen folgen.