Langfassung

Im Eilgang durch die Geschichte

Wir wollen unseren Streifzug mit den frühesten Zeugnissen menschlicher Siedlungsaktivität beginnen, die in Jericho im unteren Jordantal ab dem 9. Jahrtausend vC belegt ist. Sicher strahlten ihre Errungenschaften auch über den Jordan nach Osten aus. In Ain Ghazal, einem Vorort von Amman, konnte eine komplette Siedlung aus dem 8. Jahrtausend vC ausgegraben werden. Ab 7000 vC lässt sich in El Beidha bei Petra Siedlungstätigkeit nachweisen. Ab 3000 vC tauchen in der Geschichte Palästinas die Kanaaniter auf, die bis etwa 1200 vC das Land besiedeln. Sie werden im Laufe der Jahrhunderte von den vielen Neuankömmlingen verdrängt, vernichtet oder assimiliert. Etwas später lassen sich östlich des Jordantals die Ammoniter, südlich von ihnen – zwischen Wadi Hasa und Wadi Mujib – die Moabiter und, wiederum südlich angrenzend bis zum Golf von Aqaba, die Edomiter nieder.

Eine erste Invasion und Landnahme findet durch die Amoriter statt, die von Osten kommend Jordanien bedrängen. Aber auch Abraham mit seinem Gefolge sorgt für Unruhe. Er bricht etwa im 18. Jh vC in Ur in Mesopotamien auf, um sich schließlich im Westjordanland festzusetzen. Zwei Generationen später ziehen seine Nachkommen nach Ägypten, vermutlich als eine Art frühe Gastarbeiter unter den Hyksos. Aber, wie das so geht bei Gastarbeitern, der Aufenthalt wird irgendwann zur Fron, und Moses führt im 13. Jh vC seine Glaubensbrüder zurück nach Palästina; vom jordanischen Mount Nebo erblickt er das Gelobte Land.

Lange Zeit beherrschen die Ägypter Palästina, aber sie werden mehr und mehr von den erstarkenden Hethitern bedrängt, die sich aus der heutigen Türkei heraus ausdehnen. Diese Situation lässt sich von den Israeliten gut für eine Landnahme nutzen, die sich bis etwa zur Jahrtausendwende hinzieht. Dabei sind die Stämme nur locker unter den Richtern organisiert, müssen sich aber unter anderen den Philistern – von Westen eindringenden indogermanischen Seevölkern – im Kampf stellen, wobei sie deren Eisenwaffen technisch unterlegen sind. Um 1000 vC gründet David den ersten jüdischen Staat.

Bald kommen die Kleinstaaten im heutigen Jordanien zunächst unter die tributpflichtige Oberhoheit der Assyrer, dann der Babylonier. Die Babylonier werden 537 vC von dem Perserkönig Kyros II. besiegt. 333 vC erobert Alexander der Große unter anderem auch Palästina, das nach seinem Tod an die Ptolemäer fällt; damit beginnt die hellenistische Epoche.

Unbemerkt von den Weltmächten haben sich die Nabatäer vor allem in Edom festgesetzt. Sie sind ein arabisches Nomadenvolk, das lernte, die Weihrauchstraße auf ihrem westlichen Abschnitt äußerst gewinnbringend zu kontrollieren. 198 vC verlieren die (griechischen) Ptolemäer Palästina an die (ebenfalls hellenistischen) Seleukiden. Die Nabatäer, die inzwischen ein weitläufiges Reich aufgebaut und die früheren Kleinstaaten absorbiert haben, kooperieren mit den Griechen. Ihre Hauptstadt Petra verstecken sie geschickt zwischen Felsen im Edomiter-Gebirge.

63 vC erobern die Römer Palästina und beenden die hellenistische Epoche. 37 vC setzen sie den Halbjuden Herodes den Großen als König (Statthalter) von Judäa ein, der seinen Machtbereich bis weit nach Syrien und über den Jordan hinaus erweitert; die Palastruine Machärus kündet noch heute davon. Nach seinem Tod 4 vC wird sein Reich unter seinen Söhnen dreigeteilt.

Nach dem Machtwechsel in Palästina hatten sich auch die Nabatäer auf die Seite der Römer geschlagen. Doch diese entwickeln bald andere Vorstellungen einer Kooperation. 106 nC integrieren sie den Nabatäerstaat ganz einfach als eine Provinz in ihr Reich.

Das Christentum breitet sich rasant aus, 324 erklärt es der römische Kaiser Konstantin zur Staatsreligion. Als schließlich das Römische Reich in West- und Ostrom zerfällt, kommt Palästina mit Jordanien lagegemäß an Ostrom, d.h. Byzanz. Die byzantinische Epoche hält bis 614 an, als die erstarkten Perser einfallen, Jerusalem erobern und den Patriarchen nebst 37 000 Christen und dem Heiligen Kreuz nach Persien verschleppen. 628 kann Byzanz die Verschleppten und das Kreuz wieder heimholen. Doch nur wenige Jahre später brechen wie ein Feuersturm die Araber unter Mohammeds Flagge in Palästina und östlich des Jordans ein, 636 wird das byzantinische Heer geschlagen, 638 Jerusalem an den (muslimischen) Kalifen Omar übergeben.

Der Omayade Abd el Malik lässt den Felsendom auf dem Jerusalemer Tempelberg bauen, seine Nachfolger halten Palästina an der langen Leine und vergnügen sich in den Wüstenschlössern Jordaniens; Christen können noch für längere Zeit ihrem Bekenntnis nachgehen. Erst der fanatische Fatimide El Hakim aus Kairo verfolgt die Andersgläubigen. Dem wollen die Kreuzfahrer abhelfen, die beim Ersten Kreuzzug 1099 Jerusalem erobern und über den Jordan nach Osten vordringen können. Dort werden die Kreuzfahrerburg Shaubak, in der Nähe von Petra, und weitere kleinere Befestigungen sowie die Burg Kerak gebaut. Aber alle Mühe hilft nicht. Gegen Ende desselben Jahrhunderts gehen die Stützpunkte östlich des Jordans wieder verloren, 1291 werden die Kreuzfahrer – mit dem Fall Akkos – endgültig aus Palästina vertrieben.

Die ägyptischen Mamluken nehmen nun auch das heutige Jordanien unter ihre Fittiche. 1516 kämpfen sich die türkischen Osmanen an die Macht. Unter ihrem Sultan Suleiman II. blüht zwar die gesamte Region auf, Jordanien gerät aber mehr und mehr in Vergessenheit. Erwähnung findet das Land hauptsächlich während der jährlichen Pilgerreise, weil die Hauptpilgerroute von Damaskus aus am Wüstensaum entlang nach Süden verläuft. 1805 kommt in Ägypten der geschickte Politiker Mohammed Ali an die Macht, der auch Einfluss auf Palästina nimmt, stärker jedoch sein Sohn Ibrahim, den allerdings 1840 die Türken wieder in Palästina ablösen.

Während des Ersten Weltkrieges beginnen 1916 die Araber unter Führung des Hashemiten Hussein (dem Ururgroßvater des derzeitigen jordanischen Königs) gegen die Türkei zu putschen. Die Engländer versprechen Hussein dafür ein arabisches Großreich. Nach Kriegsende und dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches erhält England das Völkerbundmandat über Palästina und Transjordanien. 1922 übergeben die Engländer Husseins zweitem Sohn Abdullah schließlich Transjordanien als selbständiges Emirat, allerdings unter britischem Mandat.

Das britische Mandat erlischt 1946, gleichzeitig wird das unabhängige Königreich Transjordanien unter König Abdullah proklamiert. Nach Ende des israelischen Unabhängigkeitskrieges wird 1948 die von den Arabern eroberte Westbank dem Königreich Transjordanien zugeschlagen, das sich jetzt Hashemitisches Königreich Jordanien nennt. 1951 fällt König Abdullah einem Mordanschlag zum Opfer, sein Sohn Talal muss nach kurzer Regierung zugunsten seines noch minderjährigen Sohns Hussein abdanken. Gerade 18-jährig, wird dieser 1953 zum König gekrönt.

Dem jungen König Hussein gelingt es, sein Land durch alle innen- und außenpolitischen Fährnisse zu steuern. Er übersteht Putschversuche und einen Anschlag der Syrer auf sein Flugzeug. Als im Sechstagekrieg 1967 die gesamte Westbank verloren geht, muss Jordanien zusätzlich mit einem Flüchtlingsstrom und dem Verlust eines großen Teils seiner landwirtschaftlichen Produktion fertig werden. 1970 zerschlägt Hussein die selbstherrlichen militärischen Organisationen der Palestine Liberation Organisation (PLO) in einer blutigen Auseinandersetzung, 1988 gibt er die Ansprüche auf die Westbank zugunsten der PLO endgültig auf.

1991 unterläuft dem geschickten Taktiker Hussein ein schwerer Fehler, als er im Golfkrieg auf Saddam Hussein setzt. Doch spätestens 1994 kann er in den Augen des Westens die Schlappe dadurch wettmachen, dass er in ein Friedensabkommen mit Israel einwilligt, das 1995 endgültig von ihm und dem israelischen Ministerpräsidenten Rabin unterzeichnet wird.

König Hussein profiliert sich in den Folgejahren immer mehr als Vermittler und ausgleichende Persönlichkeit im Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis. 1998 muss er viele Monate in den USA verbringen, um gegen sein Krebsleiden anzugehen. Doch vergeblich, im Februar 1999 stirbt er. Zu seiner Beerdigung versammelt sich die politische Führungsschicht der Welt, ein eindrucksvoller Beweis für die Wertschätzung des Monarchen. Noch wenige Tage vor seinem Tod bestimmt Hussein seinen Sohn Abdullah zum Nachfolger auf dem Thron.

Jordanien heute

Der Staat

Mehr zu allen Beiträgen dieses Kapitels im Reiseführer ab Seite 92

Die statistischen Zahlen der folgenden Kapitel gehen auf Veröffentlichungen der jordanischen Regierung und auf das CIA World Factbook (www.cia.gov/library/publications/resources/the-world-factbook/geos/jo.html) sowie andere Internetquellen, zurück.

Das Hashemitische Königreich Jordanien – arabisch Al Mamlaka al Urdunnijja al Hashimijja – ist eine konstitutionelle Monarchie, die dem König mit voller Exekutivgewalt gemäß der bürgerlichen Verfassung von 1952 untersteht. Ihm stehen weitgehende Rechte zu: Er ernennt und entlässt den Premierminister mitsamt dem Kabinett, er kann gegen parlamentarische Entscheidungen ein Veto einlegen oder das Parlament auflösen, er hat Justizvollmacht und er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte – der König besitzt eine auch faktische Machtfülle, wie sie sich so mancher seiner Kollegen in der Vergangenheit gewünscht hätte. Dem verstorbenen König Hussein ist es gelungen, zumindest in den Augen der Weltöffentlichkeit, diese Macht zum Wohl seines Volkes einzusetzen.

Die Volksvertretung setzt sich aus zwei Kammern zusammen, dem Oberhaus, dessen 40 Mitglieder vom König ernannt werden, und dem vom Volk gewählten Abgeordnetenhaus (Parlament). Es besteht aus 110 Mitgliedern; 10 Sitze sind für die christliche Minderheit und für die Tscherkessen reserviert.

2003 rief Abdullah II allgemeine Wahlen aus. Als Ergebnis kann er seither etwa zwei Drittel der Abgeordneten auf seiner Seite verbuchen. Auch die Wahlen im November 2007 bestätigten diesen Trend. Der König wies den neuen Premierminister Nader al Dahabi an, sein Hauptaugenmerk auf Sozialreformen, bessere Gesundheitsfürsorge, das Bildungssystem und auf Wohnungsbau zu legen.

Erst 1984 hatte man sich in den konservativen Kreisen zum Frauenwahlrecht durchringen können. Obwohl das Land nach außen hin einen wenig orthodoxen Eindruck macht, sind die traditionellen Werte noch von großer Bedeutung. Dies zeigt sich auch darin, dass für Familien- und Erbstreitereien das Recht der Sharia gilt, d.h. der im frühen Islam verankerten, stark religiös orientierten Rechtsauffassung.

Jordanien ist in elf Verwaltungsbezirke aufgeteilt, mit jeweils einem Gouverneur an der Spitze. Hinzu kommt das Wüstenterritorium, das unter der Oberhoheit eines Scheichs der nomadisierenden Stämme steht.

Eine wichtige Rolle spielt das Militär. Bei den Streitkräften, die rund 4,5 % (2016) des Staatshaushalts konsumieren, stehen ca. 100 000 Berufssoldaten unter Waffen. Einschließlich der Reservisten kann auf rund 1,5 Mio Soldaten zurückgegriffen werden. Überproportional stark sind Beduinen im Militär vertreten. Dies dürfte nicht allein an ihrer sprichwörtlichen Königstreue liegen, sondern der Militärdienst kommt wohl ihren Neigungen eher entgegen als ein Job in einem Büro.

Obwohl der Islam Staatsreligion ist, schreibt die Verfassung Religionsfreiheit vor. 97,2 % der Bevölkerung bekennen sich zum Islam (davon 97 % Sunniten). Die restlichen 3,6 %  gehören christlichen Gemeinschaften der unterschiedlichsten Richtungen an, die keinen Repressalien – auch nicht von Seiten der islamischen Fundamentalisten – ausgesetzt sind. Dann gibt es noch kleine Gruppen Buddhisten, Hindus, Juden und andere.

Die Menschen

Die Jordanier sind, nach unseren persönlichen Erfahrungen, freundliche, warmherzige Menschen, denen Gastfreundschaft und menschliches Miteinander noch viel bedeuten. Sie kommen dem Gast nicht zu nahe, sind nicht aufdringlich oder fordernd. Obwohl sie in einem jungen Staat leben, fühlen sie sich uralten arabischen Traditionen positiv verpflichtet. Nach unseren subjektiven Empfindungen sind sie deutlich toleranter als die arabischen Nachbarn. Besonders in den Großstädten fällt auf, dass die Menschen aufgeschlossen sind und die technischen Hilfsmittel zu nutzen wissen. Fundamentalistische Strömungen scheinen zumindest nach außen keine große Rolle zu spielen.

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Salt, Souk Hammamat

Laut aktuellem CIA Factbook lebten im Juli 2017 10,248 Mio Menschen in Jordanien. Das BMZ (www.bmz.de) beziffert die Bevölkerung mit Stand Mitte 2016 auf 9,455 Mio, wobei CIA eventuell durch Einbeziehen von registrierten Flüchtlingen eher den tatsächlichen Verhältnissen nahekommt. Bedenkt man, dass 1922 im ehemaligen Transjordanien 225 000 Bewohner gezählt wurden (davon lebte die Hälfte als Nomaden), und 1948 vor dem Ansturm der palästinensischen Flüchtlinge es erst 375 000 waren, so kann man wahrhaftig von einer Bevölkerungsexplosion sprechen. 35 % der Bewohner sind jünger als 14 Jahre, 59 % gehören der Altersgruppe 15-64 Jahre an und der Rest ist älter als 65.

Weiterhin fanden vor dem Ansturm syrischer Flüchtlinge geschätzte 150 000 bis 300 000 geflohene Iraker Aufnahme in Jordanien. Sie kamen entweder als Touristen oder schwarz über die Wüstengrenze.

Ein Problem Jordaniens stellt der hohe natürliche Bevölkerungszuwachs von 2,3 % dar. In anderen Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass jährlich für 143 000 Menschen zusätzliche Schulen und Arbeitsplätze geschaffen werden müssen; keine einfache Aufgabe für ein Wüstenland. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt mit 74,3 Jahren (73 bei Männern, 75,7 bei Frauen) relativ hoch (Deutschland durchschnittlich 81 Jahre).

Diese Menschen hätten theoretisch jede Menge Platz, aber wegen der geografischen Verhältnisse müssen sich 90 % der Bewohner auf etwa 20 % der Landesfläche zusammendrängen. Die meisten Jordanier, 2,7 Mio, leben im Großraum Amman und gute 800 000 in der direkt angrenzenden Nachbarstadt Zarqa, in Irbid 450 000, in Madaba 75 000, in Aqaba 145 000, in Salt 60 000. Nur noch 30 % der Bevölkerung leben auf dem Land. Bei der Staatsgründung war die Situation mehr als umgekehrt, nur 20 % lebten in den wenigen Städten. Dieses extrem schnelle Wachstum der Städte von der Infrastruktur und administrativen Organisation her in den Griff zu bekommen, wäre selbst für finanziell gut gepolsterte westliche Verwaltungen keine leichte Aufgabe.

Von der Gesamtbevölkerung sind 4,6% Männer und 7% der Frauen Analphabeten (2015). Bei den Kindern im schulpflichtigen Alter liegt diese Quote bei 1,5 %, die sich fast ausschließlich aus dem nomadisierenden Bevölkerungsanteil rekrutiert. Die Schulpflicht beschränkt sich auf das 6. bis 15. Lebensjahr. Mit diesen Zahlen liegt Jordanien nach dem Libanon auf dem zweiten Platz unter den arabischen Staaten. Und dies, obwohl am Tag der Unabhängigkeit 1946 keine Universität und nur eine einzige höhere Schule existierten.

Die Palästinenser

Die größte Bevölkerungsgruppe Jordaniens spielt eigentlich nur eine Gastrolle, denn die Palästinenser kamen als Flüchtlinge und Vertriebene nach den Palästina-Kriegen von 1948/49 und 1967 ins Land, 1991 folgte eine weitere Welle von 300 000 Menschen, als im Golfkrieg die arabischen Staaten die Palästinenser wegen Arafats Loyalität gegenüber Iraks Präsident Hussein zurückschickten.

Sie stammen aus den von Israel eroberten bzw. besetzten Teilen Palästinas, also von der Mittelmeerküste bis zu den Ostgrenzen der sogenannten Westbank. Diese Menschen mussten ihre Heimat verlassen, weil sie entweder bereits vor der israelischen Unabhängigkeit von jüdischen Untergrundorganisationen durch terroristische Aktionen aus ihren Dörfern getrieben (siehe Ilan Pappe „Die ethnische Säuberung Palästinas“, Zweitausendeins 2007) oder mit militärischer Gewalt während des Krieges von den Israelis vertrieben wurden oder weil sie aus Angst vor den massiven israelischen Repressionen flohen.

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Amman, Flüchtlings"lager" Whidat

Man muss sich diese Hintergründe vergegenwärtigen, um die heutigen terroristischen Verzweiflungstaten der Palästinenser in den besetzten Gebieten zu verstehen zu versuchen: Diesen Menschen wurde in den 1940er-Jahren der Terror von Fremden mit der Absicht in ihre Heimat getragen, sie von ihrem Besitz zu vertreiben. Nach dem sog. Unabhängigkeitskrieg der Israelis war ihnen der größte, fruchtbarste und wasserreichste Teil ihres ureigenen Landes entschädigungslos genommen worden. Auf dem Rest werden sie, entgegen dem Völkerrecht, durch jüdische Siedlungen konsequent verdrängt, ausgebeutet, quasi gefangen gehalten, drangsaliert, bombardiert und ständig gedemütigt.

Zunächst glaubten die Palästinenser, bald in ihre seit vielen Generationen angestammte Heimat zurückkehren zu können; an einer Integration in die neue Umgebung waren sie, zumindest zunächst, nicht interessiert. Doch die Israelis taten alles, um die Rückkehr der Vertriebenen zu verhindern; die meisten arabischen Dörfer in Israel wurden dem Erdboden gleichgemacht oder von den neuen Herrschenden bezogen. Auch die großspurigen Versprechungen der arabischen Gegner Israels, die Rückkehr militärisch zu erzwingen, fruchteten nicht, sondern verschlechterten die Situation noch insofern, als sich Jordanien in den Yom-Kippur-Krieg ziehen ließ und nach dem Sieg Israels weitere Flüchtlinge aufnehmen musste.

Viele westliche Politiker werfen den arabischen Staaten vor, sie hätten die Palästinenser nicht in ihre Länder integriert, sondern die Flüchtlingslager bewusst in Kauf genommen, um die Frage der Rückkehr heiß zu halten. Dieser Vorwurf ist nur bedingt gerechtfertigt, denn Jordanien nahm die Mehrheit der Flüchtlinge (bis auf diejenigen, die aus dem damals ägyptischen Gaza kamen oder die in andere Nahostländer flüchteten) auf und versuchte, die Menschen zu integrieren.

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 Amman, Flüchtlings"lager" Whidat, aufgestocktes Privathaus mit kleinem Innenhof

Es gibt keine Restriktionen, eins der Flüchtlingslager zu verlassen und sich außerhalb anzusiedeln. Andererseits scheint das Zusammenleben auch nicht so reibungslos zu funktionieren, wie es nach außen aussieht. Im Staatsdienst und im Bildungssektor wurden Quoten etabliert, die eindeutig zugunsten der Transjordanier ausgelegt sind. Daher waren die Palästinenser gezwungen, sich hauptsächlich im Privatsektor als Unternehmer oder Handwerker zu engagieren, und viele waren sehr erfolgreich.

Doch die weltpolitische Konstellation entschied gegen sie. Auch ein möglicher israelisch-palästinensischer Friedensprozess wird ihnen – sofern er überhaupt jemals zu einem fairen Ende kommt – voraussichtlich nicht die Heimat in den den Juden zugestandenen Grenzen zurückgeben. Zu dieser Einsicht fanden einige Palästinenser schon recht früh und arrangierten sich mit den Verhältnissen, andere tragen noch heute ihren alten Hausschlüssel wie einen Fetisch um den Hals gehängt und geben die Hoffnung nicht auf.

Viele der Flüchtlinge kamen anfangs nur notdürftig unter, zunächst in eilends errichteten Zeltlagern. Die Vereinten Nationen gründeten 1949 die Flüchtlings-Hilfsorganisation UNRWA (UNITED NATIONS RELIEF AND WORKS AGENCY), um das Elend der Palästinenser in den in Nahost verstreuten Lagern zu mindern. Zunächst nur mit einem dreijährigen Mandat ausgestattet, wird es seither in steter Regelmäßigkeit verlängert.

Die UNRWA wuchs zur größten UN-Organisation mit heute fast 20 000 Mitarbeitern (90 % davon sind Palästinenser) und einem Etat von weit über $ 500 Mio an. Die Zeiten der Lebensmittelverteilung sind vorbei, heute beschäftigt sich die Organisation hauptsächlich mit schulischer Erziehung, medizinischer und sozialer Betreuung – immerhin sind 30 % der Mitarbeiter Lehrer,. In Jordanien existieren immer noch 13 Flüchtlingslager, mit etwa 350 000 Bewohnern. Aus den Lagern sind Stadtteile oder Dörfer entstanden, in deren Straßen und Gassen die Häuser enger zusammen stehen und dichter bewohnt sind als anderswo. Der Flüchtlingsstatus blieb erhalten, und die Bewohner identifizieren sich durch Gewöhnung mit dem Staat, in dem sie leben.

Weitere Informationen, z.B. Besuch eines Flüchtlingslagers, ab Seite 142 im Reiseführer.

Die Beduinen

Obwohl die Ahnen der meisten Jordanier nomadisierend das Land beherrschten, ziehen nur noch vergleichsweise wenige wirkliche Beduinen durch die Wüste. Es bezeichnen sich wohl noch mehrere hunderttausend Menschen als Beduinen – die sich aus 18 Stämmen zusammensetzen –, aber die tatsächlich im Zelt und nomadisierend lebenden Menschen werden auf maximal 10 000 geschätzt. Zwar bemüht sich die Regierung um Schulunterricht für die Kinder und generelle medizinische Hilfe, aber der Drang nach Freiheit und Mobilität ist häufig größer als der in die Schule.

Sie leben in Ziegenhaarzelten, die so lange an einem Ort verzurrt sind, bis die Ziegen-, Schaf- oder nur noch seltenen Kamelherden die Umgebung abgegrast haben und neues Futter gefunden werden muss. Dann zieht heute meist eine Pick-up-Autokarawane zum nächsten Platz anstelle der seit Jahrtausenden üblichen Kamelkarawanen. Insofern hat die moderne Zeit Einzug gehalten, auch mit Radios oder Fernsehern.

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Auf der Ud spielender Beduine

Doch der eigentliche Lebensstil hält sich stark an die uralten Traditionen. Manchmal sieht man nur eines der Zelte einsam in der Wüste stehen, häufiger einen Verbund von vielleicht vier oder fünf Familien. Während sich die Männer um die Herden und die übergeordneten (!) Aufgaben kümmern, sind die Frauen für Wasserversorgung (falls nicht per Pick-up), Brotbacken, Kochen und den übrigen Haushalt bis hin zum Weben von Teppichen oder Zeltbahnen zuständig.

Nach wie vor wird die Gastfreundschaft bei den Beduinen aus alter und überlebenswichtiger Tradition hochgehalten. Wer nach langer Wüstenwanderung halbverdurstet und ausgehungert schließlich ein Zelt am Horizont sah, konnte sicher sein, dass er mit ausreichend Wasser sowie dem besten Stück Hammel versorgt wurde und den Schutz der Gastgeber bis zur Selbstaufopferung genießen konnte. Umgekehrt würde der Gast auch alles tun, um einen Wanderer, der an seinem Zelt vorbeikommt, zu beherbergen.

Wenn heute westliche “Nomaden” ein Zelt aufsuchen, wird ihnen immer noch diese Gastfreundschaft zuteil. Allerdings sollte man sich durch Gastgeschenke – und wenn es Geldscheine für die Kinder sind – erkenntlich zeigen. Denn es ist kaum anzunehmen, dass ein Mitglied der Familie jemals in Europa vorbeikommt und das Gastrecht einfordert, das man in der Wüste genoss.

Natur

Die Landschaft Jordaniens

Jordanien ist mit 89 342 km² etwas größer als Österreich. Von Norden (syrische Grenze) nach Süden (Aqaba) dehnt es sich 414 km aus, von West nach Ost zwischen 150 und 380 km. Man kann drei große Landschaftszonen unterscheiden, die in Ostwestrichtung nebeneinander liegen. Die östliche Zone besteht aus Wüste, die sich auf einem relativ schmalen Streifen im Norden als Basaltwüste, dann bis fast zum Süden als relativ langweilige Stein- und Sandwüste auf einem 500 bis 800 m hohen Plateau ausbreitet. Viel spektakulärer dagegen ist der südliche Wüstenteil mit dem Wadi Rum, das zu den faszinierendsten Wüstenlandschaften dieser Erde zählt. Die zweite Zone stellt das westlich der Wüste liegende Bergland dar, mit steil abfallenden, von wilden Wadis und Schluchten zergliederten Gebirgsfaltungen mit bis zu 1700 m hohen Gipfeln (im Süden). Die dritte Zone umfasst das Tiefland des syrisch-ostafrikanischen Grabenbruchs – den durchschnittlich 12 km breiten Jordangraben -, der sich von Syrien durch das jordanische Tiefland und durch das Rote Meer bis Ostafrika hinzieht. In Jordanien unterteilt sich dieses Gebiet – Ghor genannt – wiederum in das sehr fruchtbare Jordantal, das Tote Meer und das wüstenhafte Wadi Araba zwischen Totem und Rotem Meer. Während die Wüste etwa 80 Prozent des Landes beherrscht, drängen sich 80 Prozent der Bewohner im Bergland.

Das westliche Bergland wird durch einige schluchtartig eingeschnittene Täler in geografische Abschnitte geteilt. Nördlich von Amman liegen die Berge von Ajlun, südlich davon das fruchtbare Bergland von Belqa. Das Wadi Mujib zieht eine natürliche Grenze zum südlichen Bergland. Dessen nördlicher Teil (Moab) ähnelt dem Bergland von Belqa, ist aber wegen relativ hohem Niederschlag vergleichsweise fruchtbar. Der südliche Teil, der sich vom Wadi Hasa bis zum Golf von Aqaba erstreckt, besteht aus Granit und Rotsandstein, von dessen Rot sich Edom (rot) ableitete.

Der Jordan

Die Quellflüsse des Jordans entspringen am Hermongebirge in Israel und im Südlibanon. Nach der Vereinigung in etwa 200 m Höhe über dem Meeresspiegel sucht sich der in unseren wasserverwöhnten Augen recht kleine Fluss einen Weg zum See Genezareth, der bereits 209 m unter dem Meeresspiegel liegt. Dort, wo der Jordan den See wieder verlässt, regulieren Schleusen den Abfluss Richtung Totes Meer und natürlich auch zum “Großabnehmer” Israel. Nur wenige Kilometer entfernt mündet der Yarmuk, Jordaniens zweitgrößter Fluss, tatsächlich eher ein Bach, in den Jordan. 110 km später ist bereits das Ende des Jordans im Toten Meer erreicht. Auf diesem Stück verliert er den allergrößten Teil seines Frischwassers und dient eher als Abwasserkanal. Im jordanischen Jordantalgebiet werden etwa 75 Prozent aller Agrarprodukte des Landes erzeugt.

Eine positive Folge des Friedensvertrages mit Israel war die Regelung von Wasserfragen. So wurde vereinbart, dass das Yarmuk-Wasser im Winter im See Genezareth gespeichert und im Sommer in den Ghor-Kanal zurückgeleitet wird. Ein eilends gebauter Verbindungskanal macht es möglich, das Abkommen funktioniert reibungslos. Außerdem stimmten die Israelis dem Bau eines Yarmuk-Stausees zu, den sie zuvor mit Bombenangriffen verhindert hatten.

Die fruchtbaren Gebiete liegen im Jordantal und im Nordwesten mit Zentrum um Ajlun. Aber wo immer sonst sich ein Stück nutzbarer Boden und genug Wasser finden, bemühen sich Bauern um eine Ernte. Besonders eindrucksvoll sieht man das beiderseits der Königsstraße, aber z.B. auch an der Straße nach Jerash, wo häufig grüne Flecken aus dem kahlen Umfeld leuchten.

Wasserhaushalt

Obwohl Jordanien im Übergangsgebiet zwischen der feuchten Mittelmeerküste und den Trockenregionen der Syrischen Wüste liegt, gehört Wassermangel zu den größten Problemen des Landes. Die zur Verfügung stehende Wassermenge pro Kopf der Bevölkerung zählt mit 85 Litern pro Tag zu den niedrigsten der Welt; die Israelis verbrauchen 300 Liter, die Libanesen 150 Liter, mit der geringsten Menge von nur 50 Litern (!) müssen die Palästinenser auskommen. Die vorhandenen Ressourcen sind weitestgehend genutzt, sogar übernutzt, denn die Jordanier greifen massiv auf ihr Grundwasser zurück, um das Defizit auszugleichen. Aber auch dieses Reservoir ist begrenzt, in voraussichtlich 30 Jahren wird es bis zu einer Tiefe von 200 m abgesunken sein. Für den steigenden Bedarf wird sogar eine Wasserleitung aus der Türkei diskutiert, die jedoch viele politische Fragen aufwirft.

Die Regierung bemüht sich mit allen Mitteln um eine Lösung oder Minderung des Problems. Doch der geschätzte Investitionsbedarf von etwa 4,5 Milliarden Dollar setzt enge Grenzen. Es gibt mehrere Ansätze, den bedrohlichen Wassermangel zu mindern. In der Landwirtschaft könnte am meisten gespart werden, wenn man gezielter und sorgsamer mit dem vorhandenen Wasser umginge. In vielen Fällen genügt z.B. geklärtes Abwasser zur Bewässerung, aber es fehlt an Kläranlagen. Weiterhin müsste mehr Tropfbewässerung eingesetzt werden, womit sich erhebliche Wassermengen einsparen ließen. Schließlich müssten die überalteten und brüchigen städtischen Wasserleitungssysteme überholt und abgedichtet werden. Man schätzt, dass allein 35 % des nach Amman gepumpten Wassers aus undichten Leitungen wieder versickern.

Die derzeit größten Versorgungsquellen stellen der Yarmuk und der Jordan dar. Aus beiden Flüssen bedient sich auch Israel, am kräftigsten aus dem Jordan. Vom Yarmuk wird der 1961 in Betrieb genommene Ghor-Kanal gespeist, der östlich des Jordans verläuft und die Felder der jordanischen Bauern bewässert. Allerdings verdunsten und versickern bis zu 40 Prozent des Wassers, bevor es auf den Feldern ankommt. Als weitere Versorgungsquelle fällt noch der Zarqa ins Gewicht, dessen Wasser im King Talal Stausee gesammelt wird.

Direkt ins Tote Meer entwässern sich auch ein paar Rinnsale bzw. kleinere Flüsse, z.B. das Wadi Mujib, aber auch von ihnen ist nicht allzu viel abzuzweigen. Allerdings zeigen die dort neu gebauten Staudämme, dass die Jordanier auch hier jeden überschüssigen Tropfen Wasser nutzen. Etwa 20 Prozent der nicht allzu üppigen Niederschläge im Winter können gespeichert werden, der Rest verdunstet oder versickert im wüstenhaften Boden.

Da die Niederschlagsmengen in vielen Gegenden zu gering sind, müssen die Felder nahezu ausschließlich künstlich bewässert werden. Mehr und mehr setzt sich Tropfbewässerung durch, gegen Verdunstung werden häufig Pflanzungen mit Plastikplanen geschützt.

Ein erst jetzt angezapftes Reservoir namens Qa Disi liegt im Südosten unter dem Wüstenboden bei Diseh im Wadi Rum: Es handelt sich um sogenanntes fossiles Wasser, das vor Jahrtausenden im porösen Stein oder in Aushöhlungen gespeichert wurde. Es kann mit entsprechenden Pumpen gefördert werden. Eine großvolumige Wasserleitung versorgt inzwischen Amman.

Seit langem werden in der Region, hauptsächlich in Israel, Pläne diskutiert, einen Wasserkanal vom Roten zum Toten Meer zu ziehen und die aus dem Gefälle gewonnene Energie zur Wasserentsalzung zu nutzen. Damit wäre das Problem gelöst, dass der Wasserspiegel des Toten Meeres wegen der extensiven Nutzung der Zuflüsse ständig sinkt. Andererseits bestehen erhebliche Bedenken aus der Sicht des Umweltschutzes gegen ein derartiges Projekt.

MEHR im Reiseführer ab Seite 105

Flora und Fauna

Trotz Wüstenlandschaft kommen in Jordanien zahlenmäßig immerhin so viele Pflanzenarten wie in Deutschland vor. In den wasserreicheren Gebirgszonen ist Wald übrig geblieben bzw. durch Aufforstung wiedererstanden. Vor allem im Nordwesten um Ajlun oder Salt, wo noch Mittelmeerklima herrscht, findet man Eichen- und Kiefernwälder, weiter südlich reicht es dann nur noch für Wacholder, im Wadi Araba wurden Tamarisken aufgeforstet. Die Steppe, die zwischen den Gebirgszonen und der Wüste liegt, wird heute an vielen Stellen mit Hilfe künstlicher Bewässerung kultiviert. Wo sie noch im ursprünglichen Zustand belassen blieb, wachsen im Norden Gräser, im Süden eher Beifuß. In den echten Wüstengebieten sieht es natürlich kahl aus. Besonders die Lavawüste im Nordosten lässt kaum Vegetation zu, höchstens in Wadis, in denen sich Wasser der seltenen Regenfälle sammeln kann. In der Sandsteinwüste des Südens, wie z.B. im Wadi Rum, kommt etwas mehr Vegetation vor.

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Schwarze Iris, die Nationalblume Jordaniens

Die Vielfalt der jordanischen Pflanzen wird besonders im Frühling deutlich, wenn vor allem die vielen Wildblumen blühen. Dann lohnen sich Wanderungen in der Dana Nature Reserve, die das gesamte Spektrum vom Hochland bis hinunter in die Wüstenzone des Wadi Araba erschließen.

Und trotzdem: Was wir heute an Vegetation oder auch an Wildtieren sehen, sind nur noch die eher spärlichen Überreste dessen, was speziell die Bergregion einst zu bieten hatte. Bis ins 19. Jh berichten Reisende von den herrlichen Wäldern und grünen Tälern, in denen viel Wild lebte. Doch bereits zu dieser Zeit war der Wald drastisch reduziert gegenüber dem Bestand vor Jahrtausenden; nicht nur Bäume, sondern auch viele Pflanzen sind aus Jordanien verschwunden. Im 19. und 20. Jh folgte dann der große Kahlschlag durch die zunehmende Bevölkerung, durch den attraktiven Marktwert von Holz in den Nachbarländern, den Bau der Hejaz-Bahn mit ihren Tausenden von Schwellen und auch durch die zugewanderten Tscherkessen, die Holz in großem Umfang verarbeiteten.

Weitere Schäden gingen von den Schaf-, vor allem aber von den Ziegenherden aus, die durch Überweidung zur Erosion der Böden massiv beitrugen. Erst seit Mitte des 20. Jh findet ein Umdenkprozess statt. Der Raubbau wurde gestoppt oder zumindest eingedämmt und immerhin etwa 60 000 Hektar Wald aufgeforstet.

An gefährlichen Tieren sind nur zwei giftige Schlangen, die sandfarbene Hornviper und die Sandrasselotter, zu nennen. Als durchaus gefährlich werden Stiche der schwarzen Skorpione eingestuft, die auch in Petra vorkommen. Die gelben Skorpione verursachen zumindest heftige Schmerzen. Auch in der wunderschönen Unterwasserwelt von Aqaba lauern Gefahren: Um Steinfische, Feuerfische, Stachelrochen, Kegelschnecken und Feuerkorallen sollte man einen großen Bogen machen.

Die Umwelt

Die 1966 gegründete Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN, siehe Kasten S. 104) kann sowohl als Initiator als auch als Indiz für Ansätze von Umweltbewusstsein in Jordanien gewertet werden. Verglichen mit anderen arabischen Ländern, in denen der Umweltschutz entweder gänzlich unbekannt ist oder erst in der Diskussion steht, setzt sich in Jordanien der Gedanke mehr und mehr durch, dass auch künftige Generationen Natur zum Überleben brauchen. Immerhin wurden an den Schulen über 400 Umweltclubs ins Leben gerufen. Die Kinder tragen die Idee nach Hause und fordern sie um ihrer eigenen Zukunft willen hoffentlich ein.

Fuß gefasst hat in Jordanien auch die Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE). In einer Middle East Gruppe wirken Ägypten, Israel, Jordanien und die Palestinian National Authority mit. Innerhalb Jordaniens hat sich die Jordan Environmental Society als die führende Umweltschutzorganisation herausgebildet, die mit Seminaren und Workshops an Schulen und Universitäten für den Umweltschutz wirbt.

Im täglichen Leben ist noch nicht allzu viel von Umweltbewusstsein zu verspüren. Wilde Müllhalden und das sorglose Wegwerfen von Abfällen gehören leider noch zur Selbstverständlichkeit. Das Bewusstsein für mehr Sauberkeit wird sich nicht – wie bei uns in den 1960/70er-Jahren – von heute auf morgen entwickeln. Bis dahin muss man die vielen Plastiktüten, die leeren Dosen und Flaschen am Wegesrand wohl noch in Kauf nehmen.

Nature Reserves

Die 1966 von König Hussein gegründete Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN) ist für die Natur und die Reservate zuständig. Diese Naturparks sollen erhaltenswerte Landschaften vor Eingriffen schützen. Es ist beabsichtigt, insgesamt zwölf Reserves zu schaffen und damit eine Landesfläche von etwa vier Prozent unter Schutz zu stellen. Die seit längerer Zeit bestehenden sog. “Nationalparks” Dhibbin (bei Jerash) und Zai (bei Salt) gehören nicht dazu, sie werden als bessere Picknickplätze für Erholung suchende Städter unterhalten.

Von Nord nach Süd bestehen derzeit die folgenden Nature Reserves:

  • Ajlun Nature Reserve schützt eine vergleichsweise kleine, mediterrane Hügellandschaft in der Nähe von Ajlun.
  • Die Dhibbin Forest Reserve besteht fast ausschließlich aus Pinienwald.
  • Die Azraq Wetland Reserve soll die östlich der Oase verbliebenen Nassgebiete schützen und wiederherstellen.
  • In der Shaumari Wildlife Reserve bei Azraq werden Oryxantilopen nachgezüchtet und ausgewildert.
  • Die Mujib Biosphere Reserve ist mit 215 km² die zweitgrößte Reserve, sie umfasst den gewaltigen Canyon dieser Naturschönheit und eine Randzone am Toten Meer.
  • Die Dana Biosphere Reserve , nicht allzu weit von Petra entfernt, erschließt ebenfalls eine faszinierende geschützte Landschaft, die auch für Wanderer gut erschlossen ist.
  • Die Wadi Rum Protected Area , eine einmalige Wüstenlandschaft, wurde erst kürzlich unter Schutz gestellt.
  • Die Aqaba Nature Reserve (auch Marine Peace Park, s. S. 375) liegt unter Wasser: Es handelt sich um 17 km Korallen-Strand.

Die RSCN plant weitere neun Reservate, die über das ganze Land verstreut sind.

Important Bird Areas (IBas) sind bedeutende Vogelgebiete, in denen entweder bedrohte Vögel nisten oder während des Vogelzugs rasten; denn ähnlich wie in Israel und Ägypten zählen auch jordanische Landstriche zu bedeutenden Rastplätzen. Insgesamt wurden 17 Gebiete zu IBas erklärt, u.a. alle Nature Reserves. Die RSCN organisiert spezielle Trips zur Vogelbeobachtung.

Unter Tel 06 533 7931 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! lässt sich in Amman Kontakt mit RSCN aufnehmen, um z.B. gezielt Besuche in den Reservaten zu arrangieren.

 

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