Das folgende Kapitel soll der grundsätzlichen Information dienen. Unter der Überschrift Unterwegs in der Westlichen Wüste geht es dann um die konkreten Ziele. Überschneidungen lassen sich manchmal nicht vermeiden.
Wir verwenden durchgängig den Begriff WESTLICHE WÜSTE, aber dieses Gebiet ist ebenfalls unter LIBYSCHE WÜSTE bekannt - beide Begriffe scheinen fast gleichwertig und ähnlich oft in Gebrauch zusein.

Hintergrund

Zwar gilt die Wüste dem Durchschnittsbesucher aus dem kühlen Norden immer noch als unheimlich, unkomfortabel und im Wesentlichen aus Sand bestehend. Dass dieses Bild völlig schief liegt, kann nur ein Besuch wirklich klarstellen. Auch dieses Kapitel soll das Trugbild korrigieren helfen; denn das riesige Areal bietet nicht nur überaus faszinierende Landschaften, sondern auch prähistorische Relikte, die lange vor den geschichtlichen Aufzeichnungen entstanden.

Die extreme Trockenheit der Sahara wechselte - laut Stefan Kröpelin vom Heinrich-Barth-Institut der Universität Köln - etwa 8500 vC zu feuchtem Klima. Damals zogen die Monsunregen etwa 700 km weiter nach Norden als heute. Über weite Flächen verwandelte sich die Wüste in Savanne, durchzogen von Flussläufen und Seen, deren Trockenbetten (Playas) heute noch feststellbar sind. Wie u.a. Felszeichnungen beweisen, lebten vermutlich nomadisierende Menschen vor allem in der Ostsahara. Keramikfunde lassen sich eindeutig jener Zeit zuordnen; Keramik als der erste Kunststoff der Menschheit wurde offenbar am Südrand der Sahara erfunden. Um 5000 vC wendete sich das Blatt erneut, die Sahara nahm innerhalb der nächsten eineinhalb Jahrtausende ihre jetzige Gestalt an; die jährliche Regenmenge verringerte sich von 1000 mm auf den heutigen Stand von 1 mm pro Jahr. Schon bald fanden die Menschen, die sich vom Jäger zum Viehzüchter entwickelt hatten, immer weniger Futter für ihre Tiere, viele von ihnen suchten lange vor Gründung des pharaonischen Alten Reichs Zuflucht am Nil. Das „frische Blut“ trug vermutlich nicht unerheblich zur Entwicklung der frühen ägyptischen Kultur bei.

Noch bis in die 1920er Jahre zeichneten allerdings die modernen Ägypter auf ihren Karten Gebiete westlich der Oasenkette Siwa - Bahariya – Kharga größtenteils als weiße Flächen ein. Diese Gegend war allen menschlichen Bemühungen zur Eroberung so feindlich gesonnen, dass sie als große Unbekannte, als Reich der Toten im übertragenen wie im wörtlichen Sinn, über Jahrtausende auch unbekannt blieb. Zwar durchstreiften immer wieder Beduinen die menschenleeren Flächen, aber nur selten erreichte einer die westlichen Oasen – und wenn, dann kaum in freundlicher Absicht. Umgekehrt bestand für die Bewohner des fruchtbaren Niltals kein Anlass, sich dieser lebensbedrohenden Unbekannten auszuliefern.

So dachte man noch bis vor wenigen Jahren. Doch der Kölner Wüstenwanderer Carlo Bergmann - der sich selbst in einem Buchtitel als der Letzte Beduine apostrophiert - entdeckte im Winter 1999/2000 pharaonische Tonkrug-Wasserreservoire, deren Weg von Dakhla aus in den Süden wies. Im Herbst 2000 stieß er südwestlich von Dakhla auf einen Berg, den er Wasserberg nach einer hieroglyphischen Inschrift an einer Felswand nannte. Weiterhin ist an der Wand zu lesen, dass zur Zeit von Cheops zwei Expeditionen in diese Gegend geschickt wurden, um Sandsteinfarbpigmente zu gewinnen. Prähistorische Felsbilder (Petroglyphen) auf der Wand bezeugen, dass nochmals Jahrtausende vorher hier Menschen lebten.

Die letzten Reste der Tonkrüge am Gebel Abu Ballas

Ein halbes Jahr später entdeckte Bergmann auf einer nahe gelegenen Felswand eine Art Lageplan, ebenfalls aus prähistorischer Zeit. Folgt man seiner Interpretation, dann handelt es sich hier sehr wahrscheinlich um eine längst ausgetrocknete Oase. Sie könnte die sagenumwobene, verschollene Oase Zazura gewesen sein, nach der immer wieder gesucht wurde und die zum Teil sogar die Entdeckungen in diesem Gebiet erst anstieß.

Bei nachfolgenden Forschungen fand Bergmann weitere Tonkrug-Depots, die von Abu Ballas (dem bis dahin einzig bekannten Depot) zum Gilf Kebir reichen und eine Trasse markieren, die vielleicht über die Oase Kufra in Libyen bis in den heutigen Tschad führte. Die ältesten Funde reichen in die Zeit der 18. Dynastie zurück.

Carlo Bergmann reiht sich in eine längere Reihe von Wüstenforschern ein. Der deutsche Afrikaforscher Gerhard Rohlfs (Geburtshaus und Museum in Bremen-Vegesack) hatte 1874 erste Forschungsreisen in die bis dahin von keinem Europäer betretene riesige Wüstenfläche unternommen, Anhaltspunkte durch Vermessungen geschaffen und Berichte veröffentlicht. Nach dem Ersten Weltkrieg unternahm der Ägypter Hassanein Bey eine Nord-Süd-Durchquerung der Westlichen Wüste; er berichtete als Erster über den Gebel Uwaynat. In den Folgejahren leisteten die Engländer Bagnold, Newbold, Shaw, Clayton, Harding-King und Dr. Ball wichtige Beiträge. Mitte der 30er Jahre leistete der deutsche Völkerkundler Leo Frobenius wichtige Beiträge zur Erforschung der Felsbilder. Nicht zu vergessen der ungarische Abenteurer und Forscher Graf Almásy, der sich intensiv mit dem Gilf Kebir beschäftigte und u.a. viele Felszeichnungen fand – nicht aber die verschollene Oase Zazura, die er leidenschaftlich suchte. Wer Gelegenheit hat, sein spannendes Buch “Schwimmer in der Wüste” zu lesen, der wird viel von der Faszination dieser Landschaft erahnen können.

Eine bemerkenswerte Persönlichkeit unter den Forschern war Prinz Kemal el Din Hussein, der auf den ägyptischen Thron verzichtete, weil er das Leben eines Wüstenforschers vorzog. Seine Laufbahn begann als Wüstenjäger, später mutierte er zum Wüstenforscher. Er zog mit Dienern und standesgemäßem Luxus hinaus in die noch vielerorts unbekannte Landschaft. Er hatte sich Citroen-LKWs mit Raupen im Hinterachsbereich ausrüsten lassen und war damit erstaunlich geländegängig. Er fand die von Rohlfs hinterlassene Steinpyramide Regenfeld wieder, nahm dessen Botschaft aus einer hinterlegten Flasche und tauschte sie gegen eine eigene aus. Bei seinem zweiten Trip zum Gebel Uwaynat entdeckte er einen riesigen Gebirgszug, den er Gilf Kebir (Großes Kliff) nannte. 1932 verletzte er sich bei einer Expedition und starb bald daran.

Im Zweiten Weltkrieg hatten 1941 die Franzosen die Oase Kufra erobert, waren aber auf militärische Versorgung durch die Engländer angewiesen. Zwei Jahre lang fuhren britische Militärkonvois der Long Desert Range Group von Wadi Halfa über Bir Meshaha um die Südspitze des Gilf Kebir nach Kufra; 1200 km Piste ohne Versorgung. Der Militäreinsatz hatte auch sein Gutes: Die soldatischen Kartografen vermaßen die gesamte Gegend und zeichneten die ersten zuverlässigen Karten. Andere Hinterlassenschaften wie stecken gebliebene LKWs sind immer noch zu sehen. In der Nähe von Eight Bells wurde 1992 ein voll beladener Munitions-Lkw entdeckt, dessen Motor nach Betanken sogar noch ansprang. Das Gefährt wurde dann ins Kriegsmuseum von El Alamein gebracht.

Militärschrott

Die Westliche Wüste wird heute von den Ägyptern heimlich-hoffnungsvoll als eine Art unterirdischer Schatzkammer angesehen. Die bisherigen Explorationen ergaben, dass in der Gegend südlich von El Alamein Erdöl und Erdgas lagern (und auch ausgebeutet werden); in der Nähe der Oase Bahariya wird die größte Erzmine des Landes betrieben; bei Kharga (Abu Tartur) ist eine der größten Phosphatminen der Welt in Betrieb gegangen; bei Beni Suef gibt es Alabaster; im Fayum wird im großen Stil Salz gewonnen.

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