Führung durch den Totentempel von Medinet Habu

- Protokoll eines 1989 gesprochenen Textes für eine Tonführung von Sylvia Schoske und Dietrich Wildung -

Ganz im Süden von Theben West liegt der größte und besterhaltene der thebanischen Totentempel des Neuen Reiches, der Totentempel Ramses III., der von 1180 bis 1155 vC in der 20. Dynastie errichtet wurde. Von hier aus zieht sich nach Norden über mehrere Kilometer eine ununterbrochene Reihe derartiger Totentempel, zu denen - mehrere km entfernt - die Königsgräber tief in den Bergen im Tal der Könige gehören. Zu jedem dieser Königsgräber gehörte ein derartiger Totentempel als Opfer- und Verehrungsstätte für den verstorbenen König.

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Sie betreten den Tempelbezirk von Medinet Habu von der Ostseite her. An einem Holzgatter findet die Kontrolle Ihrer Eintrittskarten statt und unmittelbar dahinter erhebt sich ein turmartiger Torbau. Gehen Sie durch diesen Torbau bis zu seinem rückwärtigen Ausgang und bleiben dort stehen (Plan Nr. 1). Sie haben von hier aus einen guten Überblick über die rießige Gesamtanlage dieses Tempelkomplexes.

Schräg links vor Ihnen einige kleine Kapellen, auf der rechten Seite nach Norden ein selbständiger kleinerer Tempel und unmittelbar vor Ihnen erhebt sich der eigentliche Totentempel von Ramses III., charakterisiert durch den gewaltigen Eingangspylon, durch den man den Tempel betritt.

Wir wollen uns zunächst keinerlei Einzelheiten widmen, sondern genau in der Tempelachse auf den ersten Pylon zugehen, durch ihn hindurch, durch eine Abfolge von Höfen und Toren bis ins Innerste des Tempels immer geradeaus weiter bis zu einer Stelle, wo beiderseits des zentralen Weges rechts und links je eine zweifigurige Statue aus dunkelgraurotem Granit steht (Plan Nr. 2).

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Zwischen diesen beiden Statuen angelangt, gehen noch ein Stückchen weiter in den Tempel hinein in den nächsten Raum, in dem die unteren Teile von vier quadratischen Pfeilern stehen (Plan Nr. 3). Drehen Sie sich in der Mitte des Raumes um und blicken Sie zurück zum Tempeleingang. Zunächst können Sie von hier aus die beträchtliche Entfernung ermessen, die Sie vom Eingang bis hier in den innersten Teil des Tempels zurückgelegt haben. Zum anderen fällt Ihnen hier auf, wie der Fußboden im Laufe ihres Weges immer weiter angestiegen ist, so daß Sie an der Stelle, wo Sie sich jetzt befinden, am höchsten Punkt des Tempelareals überhaupt stehen.

Die Räume, durch die Sie zuletzt kamen, sind nur noch in ihren unteren Teilen erhalten. Die Säulen sind nur noch wenige Meter hoch, z.T. nur noch mit ihren Bodenplatten erhalten. Die Wände ragen mehr oder weniger hoch auf, aber die Decken der Räume fehlen heute, obwohl all - ausgenommen die Höfe - ursprünglich mit Decken geschlossen waren, so daß im Inneren ein mystisches Halbdunkel herrschte. Wären diese Decken noch erhalten, dann hätten Sie feststellen können, daß mit dem Ansteigen des Fußbodens die Raumhöhen immer stärker abnehmen, die Decken also immer weiter herunterkommen, so daß sich an Ihrem derzeitigen Standort gewissermaßen die ansteigende Erdlinie und die abfallende Himmelslinie schneiden, Gott und Mensch, Erde und Himmel sich in diesem Raum begegnen.

Der Raum, in dem Sie stehen, beherbergte ursprünglich auf einem steinernen Sockel eine große hölzerne, goldbeschlagene Barke; ein Schiff, das dem Gott des Tempels als Fahrzeug diente. In ihm nahm das Kultbild des Gottes Platz, um auf den Schultern von Priestern auf Tragestangen aus dem Tempel hinausgetragen zu werden und in Prozessionen auf Kanälen und auf dem Nil umherzufahren.

Der eigentliche Aufbewahrungsort des Kultbildes selbst aber lag noch weiter hinten im Tempel. Wenn Sie nach Westen schauen, bemerken Sie eine Tür in der Rückwand dieses Raumes. Sie können durch diese Türe gehen und dann nach rechts oder auch nach links in winzig kleine, z.T. durch ganz niedere Eingänge zugängliche Räume weitergehen, ja manchmal fast weiterkriechen.

In diesen schwer zugänglichen Räumen ist das Kultbild des Amun Re – dem eigentlichen Herrn des Tempels - aufbewahrt gewesen. Man nennt diese Tempel zwar königliche Totentempel, aber Hauptgott war Amun, der Götterkönig, und nur neben ihm und mit ihm zusammen hatte der verstorbene König einen Kult in dieser Tempelanlage.

Wir versuchen nun, von hier aus ein klein wenig die Prozession des Götterbildes nachzuvollziehen und einen verschlungenen Rundgang durch einige der über 50 Räume dieses Tempels zu unternehmen. Schauen Sie vom Standort Nr. 3 zurück zum Eingang. Stellen Sie sich noch einmal vor, daß der Raum, in dem wir jetzt stehen, damals schon fast völlig im Dunkel lag. Denken Sie auch daran, daß die einzelnen Tore, durch die Sie nach innen gekommen sind, alle mit doppelflügeligen Türen verschlossen gewesen sind, um nur beim täglichen Tempelritual und bei großen Festen geöffnet zu werden.

Gehen Sie nun - mit Blick zum Haupteingang - durch die (imaginäre) Eingangstüre zurück, in der Mittelachse zwischen den beiden Doppellstatuen hindurch, dann durch die nächste Türe und danach sofort nach links bis fast zur Nordwand. Sie sehen nun wiederum eine teils zerstörte Statuengruppe, hinter der eine Treppe auf das Tempeldach führt. Wenn Ihnen der Wächter anbieten sollte, über die Treppe gleich links der Tür auf das Dach der hinteren Tempelräume zu steigen, dann sollte das ein Bakschisch wert sein, weil man von dort einen sehr schönen Überblick über die Gesamtanlage dieses hintersten Tempelteiles gewinnen kann.

Unmittelbar vor dieser Statuengruppe biegen Sie nach links ab in einen kleinen offenen Hof (Plan Nr. 4). Dieser unter freiem Himmel liegende Tempelteil ist ein Sonnenheiligtum, wie es sich in ganz ähnlicher Weise in allen thebanischen Totentempeln jeweils auf der Nordseite des Heiligtums wiederfindet. Die Reliefs auf den in voller Höhe erhaltenen Wänden nehmen auf die Thematik des Sonnenlaufes bezug. Auf dem Architrav gegenüber dem Eingang zu diesem Hof sehen Sie in der Mitte die Sonnenbarke, ein Schiff, in dem der Sonnengott Re als Sonnenscheibe dargestellt ist. Diese Barke wird vom knienden König angebetet, der sich in Begleitung von Pavianen befindet, die mit ihren erhobenen Vorderpfoten die Morgensonne begrüßen. Auf der Wand unmittelbar neben der Eingangtür erkennen Sie die Gestalten der beiden Göttinnen Isis und Nephtys, die sich die Sonnenscheibe überreichen.

Unser Weg führt nun von der Statuengruppe quer durch den Tempel auf die andere Seite hinüber. Dort, kurz vor der Südwand, durchschreiten Sie eine Tür nach rechts in einen kleinen Raum mit zwei Säulen und durch ihn weiter in einen winzigen Hof und geradeaus durch in zwei hintereinanderliegende winzig kleine Räume (Plan Nr. 5). Beim Betreten des ersten Raumes sehen Sie auf der rechten Seite Bilder aus dem altägyptischen Totenbuch, Darstellungen aus der Welt, die den König im Jenseits erwarten wird. Wir sehen den König beim Pflügen und bei der Kornernte, also bei der Ausführung von für Ägypten - als einem landwirtschaftlich strukturiertem Land - typischen Arbeiten. Interessant dabei, daß selbst der König von der Vorstellung ausgeht, im Jenseits einer geregelten Tätigkeit nachgehen zu müssen.

Gehen Sie weiter in den letzten Raum. Auf seiner linken Seite sehen Sie noch einmal eine Darstellung aus dem ägyptischen Totenbuch, und zwar einen Stier und sieben Kühe. Eine Anspielung auf die Fruchtbarkeit, die eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine Fortsetzung des Lebens im Jenseits darstellt. Die Bilder und Texte in diesen beiden Räumen - dem ägyptischen Totenbuch entnommen - beziehen sich auf die Unterwelt, in die der verstorbene König wie alle anderen Toten hinuntersteigt und in der er sein ewiges Leben finden wird.

Die Darstellungen und Texte im Sonnenhof, aus dem wir gerade gekommen sind, beziehen sich auf eine ganz andere Jenseitsvorstellung, auf den Himmel und die Sonne. Beide ergänzen sich gegenseitig. Auf die beiden Hälften des Tempels, auf Norden und Süden verteilt, beschreiben sie die Gesamtheit altägyptischer Jenseitserwartungen in der Überwelt des Himmels und in der Unterwelt des Totenbuches.

Gehen Sie nun auf dem selben Weg, den Sie gekommen sind, zurück bis in die Mittelachse des Tempels. Dort biegen Sie rechts in Richtung Ausgang ab und wenden sich bereits nach der zweiten Säule nach rechts zur Südwand dieses Raumes (Plan Nr. 6). Beachten Sie dabei, daß die Säulenreihe neben der Mittelachse erheblich größere Säulen besessen hat - Sie sehen das an den unteren Säulenstümpfen - als die beiden jeweils außerhalb davon liegenden Reihen. Man kann daraus schließen, daß die drei Mittelschiffe erhöht waren und die beiden Seitenschiffe erheblich niedriger lagen. Eine sogenannte basilikale Anlage, wie sie für Säulensäle ägyptischer Tempel des Neuen Reiches ganz typisch ist. Sie hat letztlich wahrscheinlich das Vorbild für die frühchristliche Basilika mit Mittelschiff und Seitenschiffen gebildet.

Nachdem Sie die Südwand erreicht haben, sehen Sie in der Mitte eine Tür und beiderseits davon großformatige Reliefbilder, deren rechtes wir uns zunächst ansehen wollen. Es zeigt Ramses III., der amoritische und libysche Häuptlinge als Gefangene der thebanischen Göttertriade Amun, Mut und Chons vorführt. Ein Bild, das das politisch-historische Wirken des Königs als Dienst für die Götter definiert. Auf die Darstellung von der Herstellung politischer Ordnung folgt links der Türe das Bild des Dankes der Götter an den König. Kniend erhält der König, begleitet von der Göttin Mut, von Amun mit seiner hohen Federkrone, der von seinem Sohn, dem Gott Chons, begleitet wird, die Symbole seiner Herrschaft, darunter auch das Zeichen für Regierungsjubiläen.

Die im rechten Winkel links anstoßende Wand (Plan Nr. 7) trägt Darstellungen in zwei übereinanderliegenden Bildstreifen. Im oberen Streifen ist Ramses III. beim Opfer vor Göttern dargestellt, unten sehen wir ihn beim Weihrauch- und Weihwasseropfer vor dem Gott Chnum und der Göttin Bastet. Daneben eine Darstellung, in der Ramses III. von den Göttern Thoth und Horus - ibis- bzw. falkenköpfig - zu Amun und Mut geführt wird, den göttlichen Herren dieses Tempels.

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Links von dieser Szene öffnet sich die große Türe in der Mittelachse des Tempels, durch die wir nun weiter Richtung Tempeleingang gehen. Unmittelbar nach Durchschreiten dieser Türe wenden Sie sich bei der Säule auf der linken Seite nach links und gehen zwischen Säulen und Pfeilern nach links durch bis vor das letzte Säulenpfeilerpaar (Plan Nr. 8). Dort bleiben Sie stehen und schauen zunächst hinauf zur Decke, die blau bemalt und mit Sternen übersät ist. Ein Hinweis darauf, daß ägyptische Tempel auch das Abbild der Welt darstellen: die Tempeldecke ist der Himmel, die Pflanzensäulen sind die Vegetation, die auf der Erde wächst, und der Tempelboden ist die Erde. Alles was sich auf den Wänden abspielt, ist nichts anderes als eine ins religiöse übertragene Darstellung menschlichen Lebens, das der Ägypter als einen beständigen Dialog und Kontakt zwischen Göttern und Menschen ansieht.

Beim Blick auf die linke Wand, also die, durch deren Türe Sie gerade gekommen sind, aber ebenso beim Blick durch die Pfeiler nach rechts hinaus auf die Hofwand, wird Sie der ausgezeichnete farbliche Erhaltungszustand der versenkten Reliefs in Erstaunen versetzen. Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Farben nicht ergänzt wurden, sondern seit der Zeit der Erbauung des Tempels um 1150 vC, also über mehr als 3100 Jahre so erhalten geblieben sind, wie sie sich heute zeigen.

Stellen Sie sich nun zwischen die vorletzte und letzte Säule der Säulenreihe mit Blick zur Pylonwand. Im zweiten Register, im zweiten Bildstreifen von unten gezählt, sehen Sie eine farblich ausgezeichnete Darstellung, die den König von rechts kommend vor einem rießengroßen Opferaufbau zeigt, den er der links von diesem Opferaufbau dargestellten Göttergemeinschaft Amun Mut und Chons darbringt, der heiligen Familie von Theben. Göttlicher Vater Amun, göttliche Mutter Mut und göttliches Kind Chons, eine Drei-Einigkeit, eine Trias.

Jetzt drehen Sie sich um und gehen bis ganz nach vorne zwischen die Pfeiler an die Ballustrade mit Blick auf den Hof. Auf der Wand links, also der nördlichen Hofwand, befinden sich umfangreiche Festdarstellungen, bei denen immer wieder das Bild der Götterbarken auffällt, in denen - wie wir schon gehört haben - die Götterbilder im Tempel herum und aus dem Tempel hinausgetragen werden. Links von Ihnen, farblich ausgezeichnet erhalten, ist die Barke des Amun zu sehen: in der Mitte eine Kajüte, in der in weißen Tüchern eingehüllt - unsichtbar - das Kultbild des Gottes angenommen werden darf, während an Bug und Heck dieser Barke die tiergestaltige Erscheinungsform des Amun, der Widderkopf, als Verzierung angebracht ist.

Gehen Sie nun zurück bis in die Mittelachse, biegen nach links ab und gehen über eine Rampe hinunter in den zweiten Hof (Plan Nr. 9). Beiderseits der Rampe sind große Statuensockel erhalten geblieben, die Statuen selbst sind nicht mehr vorhanden. An den beiden Stirnseiten des Hofes, also der Westseite, von der wir gerade herunter gekommen sind und an der Ostseite, durch die wir den Hof später verlassen werden, stehen Pfeiler vor denen - dem Hof zugewandt - osirisgestaltige Königsfiguren angebracht sind, heute weitgehend zerstört. Die beiden anderen Seiten des Hofes, die Nordseite und die Südseite, zeigen Papyrussäulen mit einer geschlossenen Papyrusdolde als Kapitell.

Gehen Sie bis zur Mitte dieses Hofes und wenden sich dort nach links (Plan Nr. 10). Die Säulenreihe der Nordwand weist in der Mitte eine Lücke auf. Sie ermöglicht freien Blick auf die Reliefs dieser Wand. Im obersten Bildstreifen sehen Sie die Prozession Ramses III., des Königs, der von Priestern und Soldaten begleitet in einer Sänfte durch den Tempel getragen wird. Die Szene ist Bestandteil einer Festprozession anläßlich des Festes des Fruchtbarkeitsgottes Min, der rechts von diesem Bild, also im obersten Bildstreifen, auf einer Tragstange als Kultbild getragen wird. Eine engumwickelte Figur mit erhobenem rechten Arm, aus der Umwicklung ragt der erigierte Phallus heraus. Ein deutlicher Hinweis auf die Funktion des Gottes als Garant der Fruchtbarkeit. Über die Tragstange, auf der er getragen wird, ist ein rotes Tuch gehängt, das nahezu bis zum Boden herunterreicht. Oberhalb des Tuches werden die kahlen Schädel von Priestern sichtbar, deren Füße unter dem Tuchsaum an der Standlinie dieses Bildstreifens erkennbar sind.

Verlassen Sie nun diesen Hof in Richtung Tempeleingang. Sie durchschreiten dabei den zweiten Pylon des Tempels und gelangen über eine abwärts führende Rampe in den ersten Hof. Gehen Sie bis zur Mitte (Plan Nr. 11) und versuchen Sie von dort aus einen Überblick über die Wandreliefs des zweiten Pylons - durch den wir gerade gekommen sind - und der Rückseite des ersten Pylons zu gewinnen. Sie werden feststellen, daß die religiöse Thematik, die uns bisher auf unserem Rundgang begleitete - der Sonnenlauf, das Totenbuch, der Verkehr des Königs mit den Göttern - abgelöst wird durch eine weltliche Thematik, durch historische Szenen, die den König nicht mehr mit Göttern zeigen, sondern ihn in seinem politischen Wirken als Kriegsherr, der die Feinde Ägyptens im Krieg überwindet.

Die linke Wand des zweiten Pylons zeigt Ramses III., der drei Reihen von Gefangenen - Seevölker und Philister - vor Amun und Mut vorführt. Die rechte Hälfte des zweiten Pylons enthält einen langen Text aus dem achten Regierungsjahr von Ramses III., in dem er von seinen Kriegen mit den Feinden im vorderasiatischen Bereich berichtet. Gegenüber, auf der anderen Seite des Hofes, also auf der Rückwand des ersten Pylons, steht ein Text aus dem 11. Regierungsjahr Ramses III., in dem er von einem Krieg gegen die Libyer berichtet. Darunter, auf dem rechten Pylonturm, eine Darstellung, in der der König und ägyptische Soldaten in ihren Streitwagen die libyschen Feinde verfolgen.

Auf dem linken Pylonturm entdecken Sie bei näherem Zusehen neben dem König, vor dem die Höflinge zum Gericht erschienen sind, auch ägyptische Soldaten, die libysche Gefangene heranführen - und, als ein besonders grausames Detail, Haufen von abgeschlagenen Händen und abgetrennten männlichen Geschlechtsteilen (etwa Mitte unten), die gezählt werden und auf diese Weise die Zahl der gefallenen Libyer ermitteln lassen.

Wenden Sie sich nun der Südseite dieses ersten Hofes von Medinet Habu zu, der Seite, die von Säulen bestanden ist (Plan Nr. 12). In der Mitte öffnet sich oberhalb des Fußbodens eine Art Türe nach außen. Es ist das sogenannte Erscheinungsfenster, in dem sich - von außen kommend, denn dort liegt ein kleiner Königspalast - der König dem im Hof versammelten Volk zeigte. Dieser Auftritt des Königs galt als Machtdemonstration, daher ist er auf der rechten und linken Seite des Erscheinungsfensters in der machtvollen Pose des Erschlagens der Feinde dargestellt. Aus der Wand ragen Köpfe von Libyern, Asiaten und Nubiern hervor, so daß der Eindruck entsteht, ihre Leiber seien in die Wand eingemauert und der König, das Erscheinungsfenster betretend, zerstampfe sie mit seinen Füßen. Diese Thematik, die symbolische Überwindung der Feinde Ägyptens, findet sich auch in kleinen Bildfeldern auf allen Säule dieser Hofseite.

Die gegenüberliegende nördliche Hofmauer ist mit Pfeilern bestanden, vor denen sich wiederum Figuren des Königs befinden. Nun allerdings nicht mehr Osirisfiguren, sondern der König in einem Festgewand mit einem knielangem Schurz und einer sehr komplizierten Krone. Wenn Sie ganz genau hinschauen, erkennen Sie oben, seitlich der Krone, Schakalsköpfe. Das Ganze ist, für den Laien schwer erkennbar, eine Art Geheimschrift, in der der Name des Königs als Bestandteil der Krone aufgeschrieben ist.

Wir verlassen nun diesen Hof durch das Portal im ersten Pylon, wenden uns sofort nach rechts, gehen an der Fassade entlang nach Süden und biegen an ihrem Ende direkt nach rechts um (Plan Nr. 13). Vor uns liegen die nur noch einen Meter hoch erhaltenen Grundrißmauern eines kleinen Tempelpalastes. Dieser Palast diente nicht, wie man früher angenommen hat, dem König als Aufenthaltsort, als Wohnung, wenn er im thebanischen Bereich zu Besuch war (die Residenz lag zu dieser Zeit ja im Norden Ägyptens im Nildelta). Dieser Palast hatte vielmehr in erster Linie eine religiöse Funktion.

Er sollte dem verstorbenen König in alle Ewigkeit als Miniatur-Residenz zur Verfügung stehen. Allerdings wird darüber hinaus der König, nachdem der Tempel einmal fertiggestellt war, durchaus auch zu seinen Lebzeiten in diesem Palast anläßlich von Festen zu Besuch gewesen sein, allerdings ohne dort wirklich zu wohnen.

Gehen Sie nun durch die Grundrißmauern in den Tempelpalast hinein bis in seinen größten Raum, in einen kleinen Säulensaal mit sechs Säulen, von denen nur noch die runden Basisplatten erhalten geblieben sind. Auf der Westseite sehen Sie über die Mauer hinweg in einen kleinen Thronsaal mit Thronpodest. Auf der Ostseite, gegen den Tempel zu, erkennen Sie eine Türe in der Tempelwand, zu der von beiden Seiten Rampen emporführen. Es ist das Erscheinungsfenster, das wir bereits von der anderen Seite vom ersten Hof des Tempels aus gesehen hatten. Die Türe ist auch auf dieser Seite auf beiden Seiten mit Szenen des Erschlagens der Feinde, also mit einem politisch-progammatischen Motiv geschmückt. Wenn sie jetzt mit Blick zum Erscheinungsfenster noch nach rechts hinüberblicken, dann sehen Sie auf der Rückwand des südlichen Turmes des ersten Pylons in zwei übereinanderliegenden Bildfeldern den König bei der Jagd auf Wüstentiere (oben), unten bei der Jagd auf einen Wildstier, der in die Ufersümpfe des Nils geflüchtet ist und dort unter den Pfeilen des Königs zusammengebrochen zwischen den Papyrusstengeln liegt. Eine großartige künstlerische Komposition, die in ihrem Inhalt natürlich - ähnlich wie das Motiv des Erschlagens der Feinde - einen symbolischen Charakter hat, die Überwindung des Chaotischen, des Ungeordneten, des Wilden durch den König als Garant irdischer und göttlicher Ordnung.

Wir verlassen nun den Tempelpalast in Richtung auf die thebanischen Berge nach Westen entlang der endlos erscheinenden Tempelaußenwand. Sie ahmt mit ihrer geböschten Sockelzone eine Festung nach. Auf dieser Wand fehlen bildliche Darstellungen fast vollständig, aber sie ist von unten bis oben in ihrer ganzen Länge mit Inschriften bedeckt. Hier sind die täglich, regelmäßig darzubringenden Opfer im Tempel aufgezeichnet. Ein unschätzbares Dokument zur Rekonstruktion des kultischen Lebens in einem derartigen Heiligtum. Der Weg entlang dieser Mauer steigt langsam an und folgt damit dem Ansteigen des Tempelniveaus, des Fußbodenniveaus im Inneren des Heiligtums. Auf der linken Seite sind Säulentrommeln und Säulenkapitelle abgelagert, die von christlichen Kirchen stammen, die nach Christi Geburt in die Höfe des Tempels von Medinet Habu eingebaut worden waren.

Am Ende dieser langen Außenwand bleiben Sie an der Ecke stehen, treten einige Meter zurück, so daß Sie die Wand im Rückblick und die nun vor Ihnen erschienene Rückwand des Tempels gemeinsam im Blick haben (Plan Nr. 14). Kurz vor der Ecke, auf der Südwand, beginnen die bildlichen Darstellungen. Ramses III. steht vor der thebanischen Triarde, Amun Mut, Chons und vor der Göttin des thebanischen Westufers, Immentet, und opfert. Jenseits der Ecke findet dann ein plötzlicher Themenwechsel statt. Kampfdarstellungen zeigen Ramses III. als den politischen Herrscher. Diese Szenen ziehen sich nahezu bis zur Mitte der Rückwand hin.

Gehen Sie an dieser Wand entlang als Zielpunkt dieser Darstellungen in der Mittelachse der Rückwand sind Amun und Mut dargestellt, vor denen Ramses III. Gefangene darbringt (Plan Nr. 15). Rücken an Rücken zu dieser Darstellung - links der Mittelachse - Amun und Chons, vor denen der König opfert. Gehen Sie nun weiter an der Rückwand auf die nächste Tempelecke zu (Plan Nr. 16). Kurz vor dieser Ecke sehen wir Ramses III., wie er den Streitwagen besteigt. Eine Ankündigung all dessen, was auf der nördlichen Außenwand zu sehen sein wird.

Wir biegen von der Rückwand um die Tempelecke herum zur Nordwand nach rechts ein. Halten Sie nun, während wir langsam an der Nordwand zur Tempelfassade zurückwandern, einen gewissen Abstand von der Wand, um die Szenen besser überblicken zu können. Zunächst sehen wir Ramses III., der bereits den Streitwagen bestiegen hat, in die Schlacht fahren. In der anschließenden Szene eine Landschlacht: Der König steht im Streitwagen und hat den Bogen gespannt, unter seinen Füßen liegen gefallene Feinde. In der anschließenden Szene werden dem König am Erscheinungsfester die Feinde vorgeführt. Daneben ist das wartende Gespann abgebildet. Weiter auf dieser Wand folgt eine Ausfahrt des Königs im Streitwagen und schließlich eine Darstellung der Löwenjagd. Über einer Tür, die ins Tempelinnere führt, ist das wartende Gespann des Königs abgebildet. Nun folgt im weiteren Verlauf der Wand die großangelegte, schwer überblickbare Szene einer Seeschlacht. Hier lohnt es sich etwas ins Detail zu gehen, um die vielen hochinteressanten Einzelheiten der vielfigurigen Szene zu erfassen.

Links davon empfängt der König am Erscheinungsfenster die Vorführung der Gefangenen. Weiter nach links ist Ramses III. vom Streitwagen abgestiegen und führt seinerseits die Gefangenen dem Götterkönig Amun vor. Wir haben nun die Außenseite des zweiten Pylons erreicht. Zwischen zweitem und ersten Pylon setzen sich auf der Nordwand die Kampfdarstellungen fort.

Wir haben gesehen, daß das Bildprogramm der äußeren Tempelwände - ganz im Gegensatz zu dem, was sich im Inneren des Tempels abspielt - ausschließlich weltlicher Natur ist: die Kämpfe Ramses III. gegen die Gegner des Reiches.

Bevor wir um den ersten Pylon herum auf den großen Tempelvorplatz gehen, überblicken Sie noch einmal die ganze Wand und achten Sie darauf, daß sie an vielen Stellen nachträgliche Veränderungen aufweist. In frühchristlicher Zeit ist der Tempel von Medinet Habu in eine Kirche umgebaut worden, und als das Schuttniveau im Tempel und außerhalb des Tempels bereits um einige Meter angestiegen war, wurden auf diese Wände Rundbogen, Nischen und andere Bauteile und Wanddekorationen christlicher Kirchenräume eingemeißelt.

Nun gehen wir um die Nordecke des ersten Pylons herum auf den großen freien Tempelvorplatz in die Mittelachse des Tempels zurück (Plan Nr. 17) bis fast zu den kleinen Kapellen, die jenseits der Mittelachse liegen. Versuchen Sie, etwas Abstand vom Pylon zu gewinnen und wenden Sie sich nun, in der Mittelachse stehend, zum Pylon zurück. Noch einmal zeigt sich Ihnen der Totentempel von Ramses III., den wir im Inneren und an der Außenwand kennengelernt haben. Das Generalthema eines solchen Tempels, die Fixierung der vom König garantierten göttlichen Ordnung auf Erden, findet sich in der Dekoration der beiden Pylontürme noch einmal konzentriert zusammengefaßt.

Auf beiden Pylontürmen ist der König dargestellt, der in weitem Ausfallschritt vor sich Gefangene am Schopf hält und in seiner erhobenen Hand eine Schwertkeule schwingt. Er schickt sich an, diese Gefangenen zu erschlagen. Er erschlägt sie nicht, aber seine Drohgebärde deutet an, daß jeder der Ägypten in die Quere kommt oder dem Land gefährlich werden könnte, vom Pharao getötet werden wird. Auf dem linken Pylonturm, auf dem südlichen, ist Amun von Theben der Empfänger dieser symbolischen Szene. Auf dem nördlichen Pylonturm ist es der falkenköpfige ReHarachte von Heliopolis, der Gott der nördlichen Landeshälfte.

Wenden Sie sich nun um und gehen Sie auf den Torturm des Eingangs zu, durch den wir das Tempelareal betreten haben. Auf der rechten Seite liegen kleine Kapellen, Grabkapellen, unter denen Priesterinnen der ägyptischen Spätzeit, der 25. und frühen 26. Dynastie - zwischen 750 und 650 vC - bestattet worden sind. Auf der linken Seite liegt als selbständiges Heiligtum der flache Bau des sogenannten Tempels der 18. Dynastie, der bereits um 2000 vC angelegt worden war. Er ist wie die späteren Vorbauten bis hinaus zu den gewaltigen Säulen, die Sie vielleicht am Ende Ihres Rundganges links noch liegen sehen werden, bis in die römische Kaiserzeit in Betrieb gewesen.

Gehen Sie nun in den Torturm hinein, das sogenannte Hohe Tor (Plan Nr. 18). Er scheint einer vorderasiatischen Festung nachgebaut zu sein, diente mit seinen Obergeschossen dem König als Wohnung, wenn er in Theben war, und trägt auf all seinen Wänden ausnahmslos programmatische Darstellungen des siegreichen Königs, der die Feinde Ägyptens überwindet.

Im Hohen Tor auf der rechten Seite steht eine Sitzfigur einer löwenköpfigen Göttin - der Göttin Sachmet -, die neben anderen Funktionen auch eine Kriegsgöttin gewesen ist. Blicken Sie von hier aus auf die gegenüberliegende Wand hoch nach oben. Dort sehen Sie an mehreren Stellen - ebenso wie auf der Wand, an deren Fuß Sie stehen - aus der Oberfläche herausragend Gesimse, die von Köpfen von Asiaten, Nubiern und Libyern gebildet werden; so, als ob die Leiber dieser Ausländer in die Wand eingemauert wären. Eine programmatische Darstellung des siegreichen Königs, dessen Figur ursprünglich vor der unbearbeiteten Wandfläche über diesen Gesimsen in einer Hochreliefdarstellung angebracht war.

Gehen Sie zum Holzgitter am Eingangstor (Plan Nr. 19). Blicken Sie von hier, bevor Sie das Tempelareal verlassen, noch einmal zurück auf die Fassade des Hohen Tores. Rechts und links des Eingangs noch einmal der König, der die Feinde am Schopf gepackt hat und zu erschlagen droht.

Nach Verlassen des Tempelareals sehen Sie auf der linken Seite spätere Anbauten an die Umfassungsmauer. Bis in die römische Kaiserzeit ist am Tempel von Medinet Habu weitergebaut worden. Allerdings nicht Ramses dem III. zu Ehren, für dessen Totenkult - neben der Verehrung des Amun - dieser Tempel errichtet worden war, sondern zu Ehren einer Urgottheit, die im kleinen Tempel der 18. Dynastie verehrt wurde. Die späteren Anbauten sind auf diesen Tempel zu orientiert.