Führung durch durch das Ägyptische Museum in Kairo

- Protokoll eines 1989 gesprochenen Textes für eine Tonführung von Sylvia Schoske und Dietrich Wildung -

Das Ägyptische Museum in Kairo - um das Jahr 1900 eröffnet - ist zweifellos des größte Museum altägyptischer Kunst und altägyptischer Archäologie. Von Vielen wird es als chaotisch charakterisiert, aber ich glaube, Sie werden nach Ihrem Rundgang feststellen, daß in der Überfülle dieses Hauses - vermutlich über 200 000 Objekte werden hier aufbewahrt - auch ein gewisser Charme liegt, und daß es geradezu einlädt, auf Entdeckungsreise zu gehen. Leider ist nicht alles, ja nur ganz wenig ist für den Besucher wirklich aufbereitet und erklärt.

Wir werden bei unserem Rundgang nicht den Pfaden des Massentourismus folgen, sondern werden versuchen, wichtige Objekte für die einzelnen Perioden in einem antizyklischen Rundgang herauszugreifen; dadurch haben Sie die Möglichkeit, etwas ungestörter von den jeden Tag zu Zehntausenden durch das Museum strömenden Gruppenbesuchern die wichtigsten Objekte kennenzulernen.

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Nach der Eintrittskartenkontrolle stehen Sie in einem runden Eingangssaal - kuppelüberwölbt - von hier aus wendet sich der Touristenstrom in der Regel nach links. Wir gehen nach rechts auf eine ins Obergeschoß führende Treppe zu, durch einen Gang, der auf beiden Seiten von großen Steinsarkophagen flankiert wird. In diesem Raum tritt uns Altägypten bereits in monumentalen Maßen entgegen, außerdem in Denkmälern, die ganz deutlich, für jeden erkennbar, aus dem Bereich des Grabes, d.h. aus dem Bereich des Jenseits stammen.

Ohne uns mit diesen Sarkophagen, die alle ins 1. Jahrtausend vC, in die ägyptische Spätzeit gehören, näher beschäftigen zu wollen, können wir doch der Menge und der Größe dieser Denkmäler entnehmen, welche Bedeutung der Gedanke an das Jenseits für die alten Ägypter gespielt hat. Und während unseres ganzen Rundgangs wird uns dieser Leitgedanke immer wieder begegnen: daß altägyptische Kunst, daß all das, was uns aus Altägypten überhaupt erhalten geblieben ist, in den allermeisten Fällen nicht aus dem täglichen Leben, sondern aus dem Bereich der Tempel und des Totenkultes stammt.

Einer der Grundgedanken dieses Jenseitsglaubens war die Überzeugung, daß das menschliche Leben mit dem physischen Tod nicht zu Ende ist, sondern eigentlich erst recht beginnt und sich in alle Ewigkeit fortsetzen wird. Um dieses Leben weiterleben zu können, war es aber notwendig, daß der Leib des Verstorbenen erhalten blieb. Zu dessen Schutz sind diese Sarkophage geschaffen worden. Nicht nur zum rein mechanischen Schutz, sondern auch zum magischen Schutz. Auf diese Idee ist die Dekoration der Särge - meist auf ihrer Außen- und Innenseite angebracht - mit religiösen Texten und mit den Darstellungen von Göttern und unterweltlichen Dämonen, die den Toten beschützen sollen, zurückzuführen.

Wir gehen bis ans Ende dieser Galerie, bis an den Fuß der schon erwähnten Treppe, und wenden uns hier - im Erdgeschoß bleibend - im rechten Winkel nach links.

Wir gehen durch einen mit Vitrinen gefüllten Gang - es handelt sich hier um Denkmäler die im Sudan und in Nubien, vor allem aus der Spätzeit und aus der frühchristlichen Epoche gefunden worden sind. Wir gehen durch diese Galerie weiter auf zwei Pfeiler zu, die mit der Nummer 35 beschriftet sind. Kurz vor diesen Pfeilern biegen wir nach links in den Raum Nummer 34.

Sicherlich bietet Ihnen dieser Raum nicht das Erscheinungsbild, das Sie von einem Museum pharaonischer Kunst erwarten. Sie sehen eine ganze Menge von griechisch-römisch aussehenden Statuen, und hier bereits ist der Punkt, Ihnen zu verraten, daß wir unseren Rundgang durch die ägyptische Geschichte "von hinten her" aufzäumen, daß wir bei den spätesten Denkmälern anfangen wollen. Denn hier ergibt sich eine unmittelbare Berührung zwischen altägyptischer und mitteleuropäischer Kultur. Die Stücke, die in diesem Raum ausgestellt sind, stammen aus der griechisch-römischen Epoche, also aus den letzten Jahrhunderten vor und den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt.

Gleich links vom Eingang, an den inneren Türpfosten angelehnt und in den Raum hineinblickend, steht eine überlebensgroße, aus braunem Stein gefertigte Königsfigur, die zwar in ihrer Schurztracht und in ihrer Kopfbedeckung an altägyptische Könige erinnern mag, die aber doch in ihrem Gesichtstypus und in dem Lockenkranz, der den Kopf umgibt, ganz eindeutig einen römischen Herrscher darstellt, den römischen Kaiser Caracalla. Er wurde offensichtlich von einem ägyptischen Künstler geschaffen, der keine besondere Sympathie gegenüber den römischen Fremdherrschern hatte, die Ägypten ja seit Augustus beherrschten und als Kornkammer des Römischen Reiches ausbeuteten. Im Bereich der Religion und Kunst aber unterwarfen sich die römischen Herren, die römischen Fremdherrscher, dem altägyptischen Vorbild, das damals ja schon auf eine dreitausendjährige Kultur zurückblicken konnte.

Gehen Sie nun weiter in den Raum in die rechte, hintere Ecke, zur arabisch geschriebenen Zahl 34. Hier steht eine etwa zwei Meter hohe, aus weißem Kalkstein gefertigte Steinplatte, eine sog. Stele, die, rechts unten in roter Farbe die Nummer 22186 trägt. Diese Stele ist deshalb so bedeutend, weil sie ein und denselben Text in drei verschiedenen Schriften aufweist. Oben in Hieroglyphen, darunter in einer altägyptischen Kursivschrift, fast unserer Stenographie vergleichbar, und schließlich im unteren Teil in griechisch. Ein in drei verschiedenen Schriften abgefaßter Text - der Stein von Rosette ist es gewesen, der 1822 die Entzifferung der Hieroglyphen erlaubte, und damit den Schlüssel für das Verständnis der gesamten altägyptischen Geschichte und Kultur lieferte.

Derartige, auf altägyptisch und griechisch, in mehreren Sprachen und Schriften abgefaßte Texte, sind in den drei Jahrhunderten vC Geburt, also in der Zeit, als Griechen schon in großer Zahl in Ägypten lebten, und die ptolemäisch-makedonischen Herrscher über Ägypten herrschten, aufgezeichnet worden, um beiden Bevölkerungsteilen, dem griechisch sprechenden und dem ägyptisch sprechenden, wichtige Gesetzeserlasse zugänglich zu machen. Man könnte das vielleicht vergleichen mit den verschiedenen nebeneinanderstehenden Staatssprachen, z.B. in der Schweiz.

Vor dieser Stele stehend gehen Sie nun ungefähr drei Meter nach rechts und blicken in der Wandnische vor Ihnen, nach links oben. Dort hängt eine Stele aus der, wie aus einem Fenster, ein Frauenbildnis mit einem kleinen Kind herausblickt, das Sie wahrscheinlich unmittelbar an eine christliche Muttergottes-Darstellung erinnern wird. Diese Ähnlichkeit ist nicht zufällig. Es handelt sich hier zwar um die Darstellung der altägyptischen Muttergöttin Isis mit ihrem Sohn Horus. Sie erkennen, daß es sich um eine altägyptische Gottheit handelt daran, daß die Frauenfigur ein kleines Krönchen aus Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf dem Kopf trägt, und auch Horus eine kleine Krone aufgesetzt bekommen hat. Aber dieses altägyptische Bild der Gottesmutter ist das unmittelbare Vorbid für das Bild der Muttergottes in der frühchristlichen Kunst. Hier haben wir also eine direkte Verbindung zwischen Altägypten und Europa in einem der zentralen Motive der beiden Kultur- und Religionsbereiche.

Wir gehen weiter zu Raum Nummer  24 und betreten mit diesem Raum zum erstenmal das eigentliche Gebiet der echten, altägyptisch-pharaonischen Kunst. Zwar sind hier alle Stücke in der sogenannten Spätzeit entstanden, d.h. zwischen 750 vC und 350 vC - also eigentlich ganz am Ende einer 3000jährigen Kunstgeschichte, die um 3000 vC beginnt - aber trotzdem sind die hier ausgestellten Stücke repräsentative Beispiele für Grundzüge altägyptischer Kunst überhaupt. Denn in ihren Grundzügen hat sich diese Kunst über drei Jahrtausende nur wenig verändert. So lernen wir in diesem Raum, wenn wir nun nach rechts gehen, die wichtigsten Grundtypen der Darstellung des menschlichen Körpers kennen.

In der ersten Hälfte vor der rechten Längswand stehen zwei Standfiguren. Beide sind in ein geometrisches Gerüst aus Basisblock und Rückenpfeiler eingespannt, beide stehen in derselben Grundhaltung mit dem vorgesetzten linken Bein, beide sind streng nach vorne ausgerichtet. Wenn Sie sich fragen, ob diese beiden Figuren nun stehend oder schreitend dargestellt sind, dann ist eine eindeutige Antwort überhaupt nicht möglich. Der ägyptische Künstler hat es verstanden, beides, Stehen und Gehen, Dynamik und Statik, in ein und derselben Statue darzustellen. Zweifellos stellt er nicht den Verlauf einer Bewegung in einer Momentaufnahme dar. Aber er versteht es, die Bereitschaft zur Bewegung - oder, anders ausgedrückt, den Augenblick unmittelbar vor einer Bewegung - in seiner Statue festzuhalten. Und aus dieser Darstellungsweise heraus entsteht ein höheres Maß von Spannung und Aufmerksamkeit, als es der Fall wäre, wenn die Figur z.B. im Laufschritt abgebildet würde. Dieser Typus der "Stand- Schreitfigur", wie wir sie nennen, ist besonders beliebt als Darstellung des Menschen, wenn es ihm darum geht, seine Aktivität, seine Lebensfähigkeit im Jenseits weiter zu erhalten.

Daneben folgt eine aus weißem Stein gearbeitete Sitzfigur. Sie hat eine ganz andere Bedeutung. Der alte Ägypter - genauso wie der moderne Ägypter auf dem Lande - setzt sich, wenn er sich ausruhen will, nicht auf einen Stuhl oder Hocker, den er ja gar nicht besitzt, sondern er hockt sich auf den Boden. Wenn der alte Ägypter sich auf einem Stuhl oder Hocker sitzend darstellen läßt, dann ist das nicht einfach ein Sitzen, dann ist das ein Thronen, dann ist das ein Herausgehobensein aus alltäglicher Umgebung, eine Auszeichnung. In der Statue bedeutet das, daß der sitzend Dargestellte nicht mehr dem alltäglich irdischen Bereich angehört, sondern bereits ein verklärter, seliger Toter geworden ist, bereits in die Reihe der ewig fortlebenden Verstorbenen aufgenommen ist.

Als nächste folgt eine Schreiberfigur. Sie zeigt den Dargestellten in seiner vollen Würde des Beamten - des hohen Staatsbeamten - der zur Intellektuellenschicht gehört. Diese Statue ist nicht so sehr eine Abbildung einer spezifischen, einzelnen Person, sondern die Darstellung eines sozialen Status.

Wir verlassen nun diesen Raum, wenden uns nach links und gehen bis zum Eingang des nächsten Seitenraumes. Der Eingang wird von kolossalen Königsköpfen flankiert. Wir betreten diesen Raum nicht, sondern stellen uns gegenüber von ihm unter dem Fenster auf und blicken in den Raum hinein, er trägt die Nummer 14. Beiderseits des Eingangs sind oben monumentale Königsköpfe mit der keulenförmigen, oberägypitischen Krone ausgestellt, Köpfe von Kolossalstatuen Ramses II. Darunter zwei kleinerformatige Köpfe, über deren Perücke sich eine komplizierte Komposit-Krone erhebt. Beide Figuren hielten mit ihrem linken Arm einen Götterstab - eine Götterstandarte. Sie sehen direkt rechts davon eine komplette Statue, beider die Götterstandarte erhalten geblieben ist. Auch sie stellt, wie die anderen Köpfe, König Ramses II. dar, von 1280 - 1215 vC.

Vom selben Standort aus, in Raummitte von Galerie 15 sehen Sie links vom Standort eine Vitrine mit der Nummer 196. In dieser Vitrine sind eindrucksvolle Meisterwerke der nichtköniglichen Plastik der Zeit der Ramseskönige ausgestellt. Auf der linken Seite ein Männerkopf und daneben ein Frauen-Torso, beide gehörten ursprünglich zu einer Zweifigurengruppe. Er ist der General Nachtmin, der am Ende der 18. Dynastie unter Tutanchamun das ägyptische Heer befehligte, und neben ihm steht seine Gemahlin in einem durchscheinenden, plissierten Gewand, mit einem überaus eindrucksvollen - fast möchte man sagen unvergeßlichen Gesicht - mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln. Ein Gesicht, das portraithafte Züge verrät, und das, wenn man es ein kleinwenig angeschaut hat, einem wohl in Erinnerung bleiben wird.

Gehen Sie nun von diesem Standort aus an den Fuß der Treppe in den Raum Nummer 10. Hier wenden wir uns noch einmal um und blicken zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Am rechten Pfeiler des großen Durchganges steht (etwas unterhalb der schwarz aufgemalten Nummer 9 ) eine etwa doppelt lebensgroße, männliche Figur aus rötlich-braunem Stein. Auffällig sind ihre weichen, fülligen Körperformen und das fast etwas feminin wirkende Gesicht. Es ist eine Figur, die aus dem Totentempel des berühmten Königs Tutanchamun stammt, den wir nachher gleich im 1. Obergeschoß begegnen werden.

Wir steigen nun über die Treppe ins Obergeschoß. Am oberen Ende der Treppe wenden Sie sich sofort nach rechts, in der rechten Wand führt die zweite Türe in die Schatzkammer des Königs Tutanchamun, Raum Nummer 3. Spätestens hier geraten wir nun in den Strudel des Massenbetriebs, (daher hören Sie sich den folgenden, einführenden Text besser an einer etwas ruhigeren Stelle an). Und das ist natürlich verständlich, denn der Grabschatz des Tutanchamun - an dessen Besichtigung wir uns nun machen wollen - ist zweifellos eine der größten archäologischen Sensationen überhaupt. 1922 ist das Grab des Tutanchamun im Tal der Könige, im oberägyptischen Theben - nahezu intakt - entdeckt worden. Und alles, was dann in einem runden Jahrzehnt Grabungsarbeit in diesem Grab geborgen wurde, ist ins Museum von Kairo gelangt.

Tutanchamun hat nur wenige Jahre regiert. Er war einer der Nachfolger des Königs Amenophis IV. - Echnaton - und in seinem Grab findet sich die künstlerische Hinterlassenschaft dieser ganzen Epoche, die sich durch ihren besonders lebendigen Stil von der übrigen ägyptischen Kunst abhebt. Das spüren wir vielleicht auch ein wenig am wohl bekanntesten Kunstwerk aus diesem Grab, das in der Raummitte ausgestellt ist, an der goldenen Grabmaske des Tutanchamun, die über Kopf und Schultern der Königsmumie gestülpt war. Die Streifen des Kopftuchs und die Augenbrauen sind aus blauem Glas, der Bart am Kinn des Königs - ein Zeremonialbart als Abzeichen der königlichen Würde - ist in Lapislazuli eingelegt. Die Gesichtszüge sind idealisiert, d.h. sie bilden nicht portraitgenau das Erscheinungsbild des jugendlichen Königs ab, sondern bemühen sich um ein zeitloses Erscheinungsbild.

Die mit dieser Goldmaske ausgerüstete Mumie lag in einem massiv-goldenen Sarg, 1200 kg soll er schwer sein. Er ist geschmückt mit den Flügeln eines Vogels, die den Toten einhüllen. Eine Anspielung auf die Göttin Isis, die den toten König - der in seinem Tod zu Osiris geworden ist - schützend umfängt, sich mit ihm vereinigt, um aus dieser Vereinigung heraus den Thronfolger, den jugendlichen Götterkönig Horus zu gebären.

Dieser massiv goldene Sarg des Tutanchamun - der in seinen Händen die Herrschaftsinsignien Krummstab und Wedel hält, und um dessen Hals eine kostbare bunte Kette gehängt ist - lag seinerseits in einem etwas größeren, zweiten Sarg aus Holz, vergoldet, und mit Glas und Edelsteinen eingelegt. Er ist im Grab des Königs, im Tal der Könige verblieben, in ihm liegt heute die Mumie; dieser zweite Sarg, der den ersten Sarg in sich barg, lag seinerseits noch in einem dritten, noch einmal etwas größeren Sarg, der sich wie der erste sich an der linken Schmalseite des Raumes Nr. 3 befindet. Seine Technik ist dieselbe wie beim zweiten Sarg. Er ruht auf einer niedrigen Bahre, und diese Bahre mit den ineinandergeschachtelten Särgen, der Goldmaske und der Mumie, war in einen steinernen Sarkophag gestellt, der sich heute noch im Grab im Tal der Könige befindet.

In einer Pult-Vitrine sind vier Miniatursärge ausgestellt, die in der Art ihrer Bearbeitung und in ihrem gesamten Erscheinung sehr an den eben betrachteten Sarg erinnern. In diesen Miniatur-Sarkophagen waren die Eingeweide des verstorbenen Königs beigesetzt. Sie bestehen aus zwei Teilen, einer unteren Hälfte und einem kleinen Sargdeckel, die genau aufeinander passen; und wenn wir den Schatzraum des Tutanchamun verlassen haben werden, werden wir sehen, wo diese vier Eingeweide-Särge aufbewahrt waren. Bevor Sie dies aber tun, sollten Sie sich Zeit nehmen, die zahlreichen Schmuckstücke aus dem Grabschatz des Tutanchamun sich sorgfältig und in Ruhe anzusehen.

Nach dem Verlassen des Raumes wenden Sie sich nur wenige Schritte nach links. Dort steht in der Raummitte eine Vitrine mit der Nr 176. In ihr befindet sich ein im Grundriß quadratischer Alabasterschrein. Wenn Sie ihn von oben betrachten, sehen Sie, daß in seinem Inneren vier Röhren ausgespart sind. Diese vier Röhren waren mit vier Deckeln verschlossen. In diesen Röhren waren die goldenen Eingeweide-Särge aufbewahrt. Der verschlossene Alabasterschrein seinerseits nun war in einem vergoldeten Holzschrein gestellt. Dieser Holzschrein ist, unmittelbar neben der eben besichtigten Vitrine, in einer Vitrine mit der Nummer 177 ausgestellt. Er ruht unter einem Baldachin und wird auf allen vier Seiten von den grazilen Gestalten, von vier Schutzgöttinen behütet: von Isis, Nephthys, Selket und Neith. Mit ihren ausgebreiteten Armen beschützen sie die Eingeweide des verstorbenen Königs. Ihre Körperbildung mit der starken Betonung der Hüftpartie und der Oberschenkel, erinnert an die Kunst der unmittelbar vorangegangenen Epoche Echnatons und der Nofretete, an die Amarna-Kunst.

Weitergehend bis zum Ende des Ganges (Galerie Nummer 8 und 7), kommen wir an vier vergoldeten Holzschreinen vorbei, die an Größe allmählich zunehmen und ursprünglich alle ineinandergeschachtelt waren. In diesen vier vergoldeten Holzschreinen stand der Steinsarkophag in dem die drei ineinandergeschachtelten, vergoldeten und goldenen Särge des Königs aufbewahrt wurden. Schließlich ganz innen die Mumie mit ihrer Goldmaske. Acht Schutzhüllen insgesamt sind es also gewesen, die den verstorbenen König beschützen sollten. Ein wesentlicher Aspekt dieses Schutzes waren die Darstellungen auf den Außen- und Innenwänden dieser Holzschreine, es sind Bilder und Texte aus Unterweltsbüchern, die dem verstorbenen König alles Wissen mit auf den Weg geben sollten, das er benötigte, um im Jenseits gut über die Runden zu kommen.

Die riesengroßen Holzschreine paßten ganz genau in die recht kleine, aus dem Felsen geschlagene Grabkammer des Tutanchamun. Sie wurden in Einzelteilen in diese Grabkammer eingebracht, und erst an Ort und Stelle zusammengesetzt. Sie können, wenn Sie genau hinschauen, bei all diesen Holzschreinen an ihren Kanten oben und unten schwarze Schriftzeichen erkennen, die jeweils die Bezeichnung der vier Ecken der Sargkammer beinhalten und den Leuten, die die Sargschreine zusammenbauen sollten, die Arbeit erleichterten. Zwischen dem vorletzten und letzten, größten dieser Holzschreine war noch ein Lattengestell aufgebaut - es steht heute noch in dem Schrein - über ihm war ein Leinentuch ausgebreitet, das mit vergoldeten Bronce-Rosetten besetzt war. Sie sollten die Sterne des Himmels bezeichnen. Es spannte sich also über der Bestattung des verstorbenen Königs der gestirnte Himmel, in den er einzugehen hoffte, um wie Sonne, Mond und Sterne den ewigen Kreislauf des Lebens nachvollziehen zu können.

Gehen Sie um den größten der Schreine herum und noch einmal zurück bis zum ersten und kleinsten. Auf dem Weg zurück erblicken Sie in Höhe dieses kleinsten Schreines - schräg rechts vor sich - eine große Vitrine mit einem der Streitwagen des Tutanchamun. Mehrere dieser Wagen sind dem verstobenen König mit ins Grab gegeben worden, in demontiertem Zustand allerdings, die Räder abgenommen, die Deichsel abgenommen - aus Platzgründen zweifellos. Der Gedanke, der hinter der Beigabe von Streitwagen des Königs in sein Grab stand, war wohl weniger der, dem König sein gesamtes Mobiliar mitzugeben, sondern vielmehr, daß ja der König im Streitwagen, so, wie wir ihn in Tempelreliefs abgebildet sehen, einen kosmisch-politischen Ordnungsakt vollzieht, daß er als Herrscher für die politische Ordnung auf Erden zuständig ist. Und diese Ordnungsrolle setzt gewisse Ausrüstungsgegenstände voraus, die ihm unter anderem mit dem Streitwagen mit ins Grab gegeben wurden. Beachten Sie auch die kunstvolle Ausführung dieser Wagen, die sehr zerbrechlich wirken, aber einst, als das Holz noch frisch und elastisch war, sicher ein hohes Maß an Stabilität aufwiesen.

Gehen Sie nun nach rechts, an der Vitrine mit dem Streitwagen vorbei nach vorne, bis zu der Brüstung - bis zu der Ballustrade - von der aus Sie in die große Mittelhalle, das Atrium des Museums hinunterschauen können. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennen Sie den Haupteingang.

Von dieser Stelle aus wenden wir uns nach links, gehen auf einen Schrank mit Mumien zu und biegen dann rechts in den Seitenkorridor, der die große Mittelhalle des Museums auf der linken Seite begleitet. Gehen Sie bis ans Ende des Korridors - rechts unter uns liegt das Atrium, das wir später noch aufsuchen werden. Widerstehen Sie der Versuchung, in die Räume auf der linken Seite hineinzugehen, sie stehen etwas später auf unserem Programm. Am Ende des Korridors wenden Sie sich leicht nach rechts in die große, freie Halle unter der Lichtkuppel. Gleich beim Betreten dieser großen Halle scharf nach links, und an Vitrinen zur linken Hand mit Kleinkunst vorbei, rechts ein Blick über die Ballustrade hinunter in den Korridor mit den großen Steinsärgen der Spätzeit - dort haben wir unseren Rundgang begonnen - geradedurch bis zu den schon sichtbaren, überlebensgroßen vergoldeten Wächterfiguren aus dem Tutenchamun-Grab.

Vor diesen Wächterfiguren bleiben wir stehen. Sie bilden den Auftakt zum zweiten Teil des Grabschatzes des Tutenchamun (Gallerien Nummer 45 - 10), dem wir uns jetzt widmen wollen. Diese beiden Wächterfiguren wurden vom Ausgräber Howart Carter zwischen dem ersten und zweiten Raum des Tutanchamun-Grabes gefunden, dort, wo es in die Sargkammer mit ihren Holzschreinen hineingeht, die wir gerade gesehen haben. Die schwarze Farbe der Figuren deutet auf die Funktion dieser Königsfiguren hin. Sie zeigen nicht den lebenden König, sondern den zu Osiris gewordenen, verstorbenen Herrscher.

(Redaktionelle Anmerkung: Seit der Recherche für die folgenden Texte wurde gerade im Bereich der Tutenchamun-Ausstellung mehrfach umgeräumt. Die Beschreibung ist daher nicht mehr ganz aktuell, was die Aufstellungsorte der erwähnten Objekte betrifft.)

Osiris, der Herr der Unterwelt, trägt schwarze Hautfarbe, die Farbe des fruchtbaren Nilbodens, die Farbe der Auferstehung. Die Farbe Schwarz, als Farbe der Auferstehung, begegnet uns gleich wieder, wenn wir zwischen diesen beiden Wächterfiguren hindurch weitergehen und in der Vitrine 185, den auf seinem Schrein mit Tragstangen ausgerüstet liegenden Auferstehungs- und Totengott Anubis sehen: in Schakalsgestalt, mit seinen hochaufgestellten Ohren, seiner langen Schnauze. Der Schakal, der in den Randgebieten der Wüste herumstreunt, ist ein Schutzgott der Friedhöfe und die schwarze Farbe deutet, wie bei Osiris, auf die Auferstehung, auf das jenseitige Leben hin.

In dem Schrein, auf dem Anubis liegt, ist übrigens ein großer Teil der Schmuckstücke gefunden worden, die Sie in der Schatzkammer des Tutanchamun gesehen haben.

Nun sehen Sie die weltberühmten Stücke aus dem Grabschatz des Tutanchamun in dichter Folge hintereinander. In der Vitrine Nummer 189 liegt ein Spielbrett. Die Spielregeln altägyptischer Brettspiele sind recht gut erforscht, so daß man heute sie heute nachspielen kann. Sie haben, wie sollte es in Ägypten anders sein, natürlich auch religiöse Bedeutung. Der Gewinner im Spiel überwindet die bösen Mächte der Unterwelt.

In der Vitrine 188 sehen Sie eine der mit Elfenbein verkleideten Kleidertruhen des Tutanchamun. Gehen Sie auf die Rückseite dieser Vitrine, von hier aus können Sie das Motiv auf dem Kastendeckel besonders gut erkennen. Tutanchamun und seine Gemahlin Anchesenamun - eine Tochter Echnatons und der Nofretete - sind im Garten dargestellt: sie überreicht ihm Früchte, ein Bild von jugendlichem Reiz. Gerade an diesem Bild erkennt man, daß der König fast noch ein Kind gewesen ist, als er auf den Thron stieg. Bereits mit 17 Jahren ist er ja verstorben.

Gehen Sie weiter zur Vitrine 186, die eine andere, elfenbeinverkleidete Truhe mit tonnenförmig gewölbtem Deckel enthält. Auf ihren Längsseiten und auf ihrem Deckel sind Szenen von Tutanchamun im Streitwagen, wie er gegen Asiaten und Nubier, gegen Löwen und Wüstentiere kämpft. Die ganz ähnliche Ausführung der Jagdbilder und Kampfbilder weist darauf hin, wie Jagd und Krieg miteinander verwandt sind; wie mit beidem die Ordnung im politischen Bereich und die Ordnung in der Natur hergestellt werden soll. Für beides ist der König zuständig.

In fünf freistehenden Vitrinen sind vergoldete Holzfiguren von Göttern ausgestellt. Diese Figuren waren in schwarz angemalten Holzschreinen im Grab des Tutanchamun als göttlicher Schutz des verstorbenen Königs aufbewahrt. Zu diesen vergoldeten Figuren gehören aber auch Darstellungen des Königs selbst, der, eine Harpune in der Hand haltend, weit ausschreitend in einem Papyrus-Nachen steht, der auf einem schwarzen Panther abgebildet ist - ein Himmelstier, das ihn durch die Nacht zum morgendlichen Sonnenaufgang transportieren soll - daneben Figuren des Königs mit der unterägyptischen Krone. Hier fällt wieder auf, wie die Körperformen des Königs fast weiblich wirken. Hierin liegt ein Erbe der unmittelbar vorher zu Ende gegangenen Zeit Echnatons und der Nofretete.

In den Wandvitrinen sind einige der insgesamt 408 Totenfigürchen zu sehen, die den König ins Jenseits begleiteten. Diese Uschebtis aus Holz, aus Stein und aus Fayence sollten ihm im Jenseits alle eventuell anfallende Arbeit abnehmen, sie sollten seine Ersatzpersönlichkeiten, ja vielleicht sollte man sagen, seine Diener im Jenseits sein.

In der Pult-Vitrine mit der Nummer 187 sind Stöcke ausgestellt, die wohl nie praktisch benutzt wurden, sondern die reine Zeremonialausrüstung für den König gewesen sind. Die untere Krümmung der Stöcke zeigt die Leiber von Ausländern: Nubiern, Libyern und Asiaten. Wenn diese Stöcke benutzt worden wären, dann wären die Leiber am Boden zerdrückt worden. Symbolisch-politische Darstellung, die hier im Kunsthandwerk, im königlichen Bereich Verwendung gefunden haben.

In der Vitrine 179, das nach der Goldmaske wohl berühmteste Stück aus dem Grabschatz des Tutanchamun, der Thronsessel. Auf seiner Rückenlehne ist das jugendliche Königspaar abgebildet. Wir sehen, wie die Königin Anchesenamun ihrem Gemahl Tutanchamun einen Halskragen richtet, darüber, und das ist sehr eigenartig, schwebt die Sonnenscheibe, die ihre Strahlen auf das Königspaar herunterschickt. Eine Szene, die noch ganz in die vorangegangene Zeit des Monotheismus des Echnaton und der Nofretete gehört. Tutanchamun hat ja noch ein Jahr seiner kurzen Regierung - sein erstes Regierungsjahr - in der Stadt zugebracht, die Echnaton in Mittelägypten gegründet hatte für seinen monotheistischen Gott Aton in Tell el Amarna, bevor er, zur alten Religion zurückkehrend, nach Memphis in der Gegend des heutigen Kairo umzog und dort die Residenz aufschlug.

Dieser Thronsessel steht damit an der Nahtstelle der Amarnazeit in die Nach-Amarna-Zeit. Er vereinigt in sich Elemente des Monotheismus des Echnaton und der wieder klassischen Götterwelt, wie sie sich in der Dekoration des Sessels z.B. in den Löwenköpfen auf der Seite ausdrückt. Gold, Silber, Glas, Edelsteine haben an diesem kostbaren königlichen Thronsessel Verwendung gefunden, der zweifellos das wertvollste Möbelstück ist, das uns aus Altägypten, ja, vielleicht aus der ganzen Antike erhalten geblieben ist.

Bald folgt (in Gallerie-Raum Nummer 25) eine gewisse Ernüchterung. Das Stichwort könnte heißen: Kitsch und Kunst. Auf der rechten Seite ein Tafelaufsatz in Form eines Bootes, in dessen Bug eine Zwergin steht. Gegenüber, auf der linken Seite, eine aus zwei ineinander gestellten Vasen konstruierte Vase, die heute beleuchtet werden kann, so daß man die Malerei auf der inneren Schale durch die äußerste durchschimmern sieht. In der Mitte des Raumes - Vitrine 190 - eine Vase mit Pflanzenmustern, die die Vereinigung von Ober- und Unterägypten, das Verschlingen von Lotos- und Papyruspflanze darstellt. All diese Stücke erinnern vielleicht ein wenig an Jugendstil und Art Deco. Hier kippt der strenge ägyptische Stil um, es ist die einzige Phase in der ägyptischen Kunstgeschichte, wo die Kontrolle der künstlerischen Freiheit durch traditionsgebundene Regeln aufgegeben wird.

Den Abschluß dieser Raumflucht bildet eine Reihe von freistehenden und Wandvitirinen, in denen prachtvoll ausgestattete und buntbemalte Bootsmodelle zu sehen sind. Diese Schiffe sollten den Toten bei seiner Fahrt über den Tag- und Nachthimmel, im Nachvollzug des Sonnenlaufes, begleiten. Besonders eindrucksvoll das Boot auf der rechten Seite, in dessen Mitte ein Thronsessel erkennbar ist. Der Sessel ist leer - so, als ob er darauf wartete, daß der verstorbene König auf ihm Platz nehme, um im Nachvollzug des Sonnenlaufes den ewigen Kreislauf der Gestirne nachzuvollziehen.

Wir haben hiermit unseren Rundgang durch den Grabschatz des Tutanchamun beendet und finden uns wieder am oberen Ende der Treppe, über die wir vom Erdgeschoß nach oben gekommen waren. Bevor wir über die Treppe wieder nach unten gehen, gehen wir noch einige Schritte nach links in den Raum Nummer 10 und 9. Hier sind nebeneinander drei hochbeinige, große Betten - vielleicht sollte man besser Bahren sagen - aufgestellt, löwenköpfig, nilpferdköpfig und kuhköpfig. Alle drei Tiere sind Schutzgötter des Sonnengottes und Himmelstiere. Wenn der König auf diesen Betten liegen sollte, so trat er damit in den Himmel ein und so haben wir auch in diesen tiergestaltigen Betten wieder die Vorstellung vom Eintreten des Königs in den Kreislauf der Gestirne, in den Nachvollzug des Sonnenlaufes.

Wir gehen nun über den rechten der beiden Treppenläufe, beim Pfeiler 10, an einer Vitrine mit den Totensträußen des Tutanchamun vorbei, wieder hinunter ins Erdgeschoß. Am unteren Ende der Treppe, nach rechts abbiegend, gehen wir bis zur Mittelachse des Museums bis zum Raum Nummer 3, dem Raum der Kunst der Zeit Amenophis IV, Echnaton und der Nofretete. In einer kurzen Epoche der 18. Dynastie, im Neuen Reich zwischen 1353 und 1336 vC, in der Regierungszeit Amenophis IV., wurde die ägyptische Religion auf eine Art "Frühform" des Monotheismus umgestellt. Der Totenglaube wurde in den Hintergrund gedrängt und an seine Stelle trat die Verehrung der Sonne in der Sonnenscheibe - altägyptisch "Aton". Amenophis IV. benannte sich nach diesem von ihm kreierten neuen Sonnengott "Echnaton", auf deutsch "dem Aton wohlgefällig", brach mit den Traditionen der Kunst und ließ sich selbst in einer überaus eigenartigen Weise darstellen, die den ägyptischen Traditionen sehr zuwider läuft.

An den Pfeilern dieses Raumes sehen Sie lebensgroße Figuren des Königs, bei denen Ihnen die stark entwickelte Hüft- und Oberschenkelpartie auffällt, außerdem das stark in die Länge gezogene Gesicht. Der König hat sich hier, mit diesen fast weiblich wirkenden Körperformen, wahrscheinlich als Mann/Weiblicher, zweigeschlechtlicher Urgott dargestellt. Alle Figuren stammen aus einem Aton-Sonnentempel aus Karnak in Oberägypten, aus den ersten Regierungsjahren des Königs um 1350 vC. In der Mitte dieses Raumes liegt ein vergoldeter Holzsarg, der Sie an den dritten der Tutanchamun-Särge erinnern mag. Er stammt aus einem Grab im Tal der Könige in Oberägypten und galt lange Zeit als der Sarg des Echnaton. Heute glauben wir zu wissen, daß in ihm der Nachfolger Echnatons, Semenchkare, bestattet wurde.

In der Mitte der rechten Wand erkennen Sie eine hohe, aus braun-gelbem Quarzit gearbeitete Stele, deren Darstellung zu einem großen Teil ausgehackt sind. Die Bilder des Königs und der Königin sind nach dem Tod Amenophis IV., Echnaton, der Verfehmung anheim gefallen. Seine gegen die Tradition gerichtete monotheistische Sonnenreligion fand nicht die Zustimung der Nachwelt und sollte aus dem Gedächtnis gelöscht werden.

In der Vitrine mit der Nummer 162 steht ein lebensgroßer Frauenkopf, der die Königin Nofretete darstellt. Die ursprünglich eingelegten Augenhöhlen sind heute leer. Der Kopf bezaubert durch seine herbe Schönheit, durch die glatte Spannung der Haut über dem unter der Gesichtshaut deutlich sichtbar werdenden Schädel. Ein durchaus modernes Schönheitsideal. Vielleicht die schönste und überzeugendste Darstellung dieser Frau, deren berühmtestes Bildnis mit der Nofretete-Büste in Berlin ausgestellt ist. Rings um den Nofretete-Kopf sind die, durch die weit nach hinten ausladende Schädelform charakterisierten Köpfe der sechs Töchter des Königspaares ausgestellt.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes in der Mitte die Vitrine mit den Nummern 160 und 167. Beachten Sie in dieser Vitrine insbesondere die Sitzfigur Amenophis IV., der auf seinem Schoß eine Frauenfigur hält. Beide sind im Kuß dargestellt. Es handelt sich hier keineswegs um eine intime Liebesszene, sondern ganz im Gegenteil, um ein hochreligiöses Motiv: der König nimmt die Rolle einer Gottheit ein, die vor sich auf dem Schoß - als Vertreter der Menschheit - einen Angehörigen des Königshauses, in diesem Fall die Königin, wohl Nofretete, hält. Diese so intim wirkende Szene ist eine Darstellung des engen Kontaktes zwischen Gott und Mensch, wie er sich im Verkehr zwischen König und Königin auf Erden manifestiert.

Verlassen Sie nun diesen Raum und biegen Sie nach rechts ab, gehen den Korridor bis zu seinem Ende - nach rechts oben führt wieder eine Treppe - und biegen am Ende dieses Ganges nach links ab. Gleich nachdem Sie abgebogen sind, wiederum nach links in den Raum mit der Nummer 12.

Dieser ganze Raum ist der 18. Dynastie, der Zeit zwischen 1550 und 1350 vC gewidmet. Vor dem ersten Pfeiler an der linken Längswand sitzt die Schreiberfigur des Amenophis (Nr. 148), des Sohnes des Hapu. Dieser Mann hatte in der Zeit Amenophis III., des Vaters des Echnaton, des Schwiegervaters der Nofretete, eine der bedeutendsten Stellungen am ägyptischen Hof inne. Er war Kultusminister und vielleicht sogar eine Art Ministerpräsident zugleich; er hat für seinen König Tempel erbaut und er hat für sich selbst die allerbesten Künstler Ägyptens beschäftigen können. Diese Schreiberfigur, die ihn in der klassischen Haltung des Intellektuellen zeigt, ist dadurch besonders interessant, daß die Inschriften auf dem Papyrusblatt das er in seinen Händen hält, stark abgewetzt sind. Vor dieser Statue ist gebetet worden, man hat sie als Heiligenfigur angerufen, und dazu diente nicht zuletzt auch ihr Aufstellungsort am südlichen Zugangsportal zum Tempelkomplex des Götterkönigs Amun in Karnak am 10. Pylon.

Am 3. Pfeiler dieser Wand, also ein Stück weiter nach rechts, begegnet uns dieser Amenophis, Sohn des Hapu, noch einmal. Hier erscheint er als reifer, gealterter Mann. Als Schriftgelehrter war Amenophis, Sohn des Hapu, mit der Vergangenheit und ihren Denkmälern wohl vertraut und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß er sich für diese Darstellung als alter Mann eine alte Statue des Mittleren Reiches, die etwa 600 Jahre vor seiner Zeit geschaffen worden war, heranholte und neu mit seinen eigenen biographischen Texten beschriftete.

Die Rückwand des Raumes wird von einem Felsenheiligtum eingenommen, aus dem die heilige Kuh der Göttin Hathor hervortritt. Dieses Felsenheiligtum wurde in Der el Bahri, in Theben West, in unmittelbarer Nähe des Felsentempels der Königin Hatschepsut gefunden. Hatschepsut hat für den legitimen Thronfolger Tuthmosis III. viele Jahre die Regierungsgeschäfte geführt, weil er bei seinem Thronantritt noch ein kleines Kind gewesen ist. Sie scheint am Regieren Gefallen gefunden zu haben, denn im Lauf der Jahre hat sie mehr und mehr ihre weiblichen Attribute abgelegt und sich in zunehmendem Maße zum männlichen König proklamiert. Nach ihrem Ende wurde ihr Andenken verfehmt, ihre Inschriften, ihre Statuen wurden zerstört oder wurden von Tuthmosis III. übernommen und mit seinem Namen versehen.

Thutmosis III. ist unmittelbar links von dieser Statue als lebensgroße, männliche Stand-Schreitfigur mit oberägyptischer Krone dargestellt. Überpersönlich idealisierend - der siegreiche Held - alterslos. Rechts neben Hatschepsut ist Senenmut, eine der wichtigsten Persönlichkeiten an ihrem Hofe, zu erkennen, in einer Würfelfigur, aus der nicht nur der Kopf des in der Figur Dargestellten, sondern zusätzlich dazu auch noch der Kopf einer kleinen Prinzessin, der Prinzessin Nofrure, herausragt, der Tochter der Hatschepsut. Senenmut, Oberhaushofmeister der Hatschepsut, hatte unter anderem auch die Funktion des Erziehers der königlichen Tochter. Er ist es auch gewesen, der den Tempel der Hatschepsut in Der el Bahri erbaut hat.

Bevor Sie diesen Raum verlassen, gehen Sie noch in die dem Eingang nächst gelegene - in Richtung des Ausgangs blickend - rechte Ecke. Dort steht mit der Nummer 194 die Familiengruppe des Sennefer, Bürgermeister in Theben zur Zeit Tuthmosis III. Auch diese Statue weist auf dem Schoß beider Figuren deutliche Abnutzungsspuren auf, auch vor ihr ist gebetet worden, und eine der wichtigsten Persönlichkeiten dieser Zeit fungierte als Vermittler zwischen Tempelbesucher und der im Tempel verehrten Gottheit.

Wenn Sie diesen Raum verlassen, sehen Sie gleich links außerhalb in einer freistehenden Vitrine eine andere Darstellung der Hatschepsut, als liegender Löwe mit Frauengesicht, eine sog. Mähnensphinx, die den göttlichen Aspekt des Königs unterstreicht. Den selben Statuentypus finden wir, nach links weitergehend in den Gallerie-Raum Nummer 16, in insgesamt fünf monumentalen Mähnensphingen aus einer älteren Epoche, aus dem Mittleren Reich der späten 12. Dynastie um 1800 vC. Diese Mähnensphingen stellen den König Amenemhet III. dar. Wie sehr sie als Demonstration königlicher Macht angesehen wurden, ergibt sich daraus, daß sie zu verschiedenen späteren Epochen wiederverwendet worden sind. Auf der dritten Figur lassen sich folgende, später zugefügte Inschriften feststellen. Auf der Basis der Name von Ramses II. um 1250 v Ch. Auf der rechten Seite des Leibes der Name des Königs Meremptah, des Nachfolgers Ramses II., gegen 1200 vC. Zwischen den Tatzen schließlich der Name des Königs Psusenes aus der 3. Zwischenzeit, runde 200 Jahre später. In ganz schwachen Spuren ist sogar auf der rechten Schulter noch der Name des Hyksos-Königs Apophys um 1650 vC zu erkennen.

Weiter in diesem Gang kommen wir zu einem Tor, das von zwei Papyrusbündelsäulen gebildet wird. Links vor diesem Tor sitzt vor einem modernen Pfeiler die Sitzfigur des Königs Amenemhet III. aus dem Bezirk seines Totentempels bei seiner Pyramide in Hauwara. Stark portraithafte Prägung der Gesichter der Mähnensphingen hatte bereits ein Charakteristikum der Kunst dieser Zeit des späten Mittleren Reiches angedeutet. Es ist hier in dieser Sitzfigur etwas abgemildert, aber trotzdem tritt uns in dem Gesicht eine unverwechselbare Individualität entgegen: das Bild eines energischen, selbstbewußten, machtpolitisch orientierten Herrschers.

Wenn Sie einige Schritte zurückgehen, dann stehen Sie vor dem Eingang zum Seitenraum mit der Nummer 22. Vor der Tür stehend, links am Türpfosten, sehen Sie die Beterfigur von Sesostris III. (Nr. 98). Seine Hände sind auf den vorspringenden Schurz herabgesenkt, das Gesicht wird vom Königskopftuch eingerahmt, und gerade dieses Gesicht ist es, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein überaus energisches, mürrisch wirkendes Gesicht, kraftvoll, entschlossen, zweifellos einen Herrscher wiedergebend, der genau wußte, daß von seinem Wort, von seinem Willen, die Geschicke nicht nur Ägyptens, sondern eines großen Teiles der damals bekannten Welt abhing.

Betreten Sie nun diesen Raum. In seiner Mitte sind rings um eine wiederaufgebaute, ausgemalte Grabkammer des Mittleren Reiches insgesamt zehn Sitzfiguren von Sesostris I. aus dem Beginn der 12. Dynastie um 1950 vC aufgestellt. Sie stammen aus einem Tempel bei seiner Pyramide in Lischt und zeigen eine völlig andere Stilrichtung als diese energischen Gesichter Amenemhets und Sesostris III., die wir eben gesehen haben. Es sind fast leblos wirkende Darstellungen, die sich - und das ist die Erklärung - ganz an der schon lange zu Ende gegangenen Periode des Alten Reiches, des 3. Jahrtausends vC orientieren. Während später in dieser Dynastie der Blick nach vorne, wenn ich so sagen darf, die künstlerische Avantgarde die Führung übernehmen und sich von dieser traditionalistischen Kunst der frühen 12. Dynastie bewußt abwenden.

Vom selben König stammt ein mit Relief geschmückter Pfeiler, auf den Sie stoßen, wenn Sie den Raum verlassen und gerade auf die gegenüberliegende Wand, auf das Fenster zugehen. Zunächst, auf der Ihnen zugekehrten Seite, Sesostris I. und Amun-Re, rechts davon, um die Ecke, der König und der Gott von Heliopolis Atum, der dem Fenster zugewandten Seite der König und der falkenköpfige Gott Horus von Edfu; schließlich auf der vierten Seite der König mit dem memphitischen Schöpfergott Ptah. Dieser Pfeiler stammt von einem heute zerstörten Tempelbauwerk Sesostris I. in Oberägypten, in Karnak. Der Unterschied im Stil zu den langweiligen Statuen aus Memphis ist evident. Wir können hier zwei unterschiedliche Stilrichtungen in den beiden weit voneinander entfernten Hälften des Landes feststellen.

Von hier aus gehen Sie nun in den Gallerie-Raum mit der Nummer 26. Gleich links hinter dem Tor stehen am Boden zwei Würfelfiguren. Es sind die frühesten Exemplare dieses in späterer Zeit so beliebten Statuentypus, der wahrscheinlich dem Verstorbenen zeigt, wie er aus der Einengung von Grab, Sarg und Mumie aufbricht und zu neuem Leben aufersteht.

Weiter in der Achse dieses Raumes, bevor Sie in den nächsten Raum weitergehen, sitzt auf der linken Seite an einem Pfeiler die großformatige Statue Mentuhoteps II., des Gründers des Mittleren Reiches. Deren fast plumpen Proportionen sind typisch für den Wiederbeginn der Kunst um 2050 vC. Die schwarze Hautfarbe - wie schon einmal bei Tutanchamun bei den Wächterfiguren - ist eine Anspielung auf den Auferstehungsgott Osiris.

Wir gehen nun weiter in den anschließenden Gallerie-Raum 31 und wenden uns nach links in den Seitenraum Nummer 32. Wir sind bei unserem Gang rückwärts durch die Geschichte Ägyptens nun in der ersten der großen Epochen angelangt, im Alten Reich, im 3. Jahrtausend vC. Gleich rechts, wenn wir den Raum betreten haben, steht in einer freistehenden Vitrine die Stand-Schreitfigur des Ti, dessen Grab Sie sicherlich in Sakkara besuchen werden. Im Gegensatz zu den Statuen des Neuen Reiches sind nun diese Figuren des Alten Reiches in der Regel Grabstatuen, die nicht öffentlich im Tempel aufgestellt waren, sondern unsichtbar in einer rings zugemauerten Kammer des Grabes, den tief unter der Erde mumifiziert liegenden Verstorbenen vertreten sollten. In ihrer verhaltenenen Aktivität der Schrittstellung, der geballten Fäuste, des hocherhobenen Kopfes und der geradeausblickenden Augen, sollten sie die Lebendigkeit und das Fortleben des Verstorbenen sicherstellen.

Wenn Sie sich nun in der Raummitte der großen Vitrine im Hintergrund zuwenden, wird dieser Aspekt besonders detulich. Sie stehen vor der Zweiergruppe des Rahotep und seiner Gemahlin Nofret. Beide Statuen datieren in die Zeit um 2600 vC und stammen aus Medum, nahe der Pyramide des Nofru, etwa 60 km südlich von Kairo. Die Lebendigkeit dieser beiden Grabstatuen resultiert nicht nur aus dem so wachen Blick der eingelegten Augen, sondern auch aus der strotzenden Kraft, die aus den Körperformen des Mannes und der Frau spricht. Ebenso aber auch aus den kleinen Asymetrien, die man in beiden Gesichtern bemerken kann. Vor diesen beiden Statuen stehend kann man wohl nachvollziehen, daß der alte Ägypter daran glaubte, mit seinem physischen Tod sei sein Leben nicht zu Ende gegangen, sondern setze sich in alle Ewigkeit, in alle Zukunft fort.

Diese Lebendigkeit der Darstellungsweise beschränkt sich aber keineswegs auf die Abbildung des Menschen. Wenn Sie sich von ihrem jetzigen Standpunkt nach rechts wenden, so sehen Sie in einer Wandnische aus den selben Gräbern von Medum um 2600 vC, einige Malereien, die berühmten Gänse von Medum. Mit einer naturalistisch wirkenden Detailgenauigkeit sind die Tiere abgebildet, aber der Künstler ist weit über das Naturvorbild hinausgegangen und hat eine allgemeingültige, der Vergänglichkeit des Naturvorbildes überhobene Darstellungsweise gefunden. Es sind Bilder, die zeitlose Gültigkeit von Schriftzeichen zu haben scheinen.

Und nun gehen Sie noch hinter die Vitrine von Rahotep und Nofret. Dort stoßen Sie in der Raummitte, an der Rückwand, auf die riesengroße Kalkstein-Scheintüre aus dem Grabe eines Mannes namens Anchires. Scheintüre - das will heißen, eine in Stein nachgebildete Türkonstruktion, die in den Gräbern des Alten Reiches die Kontaktstelle zwischen Diesseits und Jenseits herstellt. Anchires ist inmitten dieser Scheintüre in der Türöffnung abgebildet, in dem Augenblick, wo er aus dem Jenseits ins Diesseits zurückkehrt. Mit großer Lebendigkeit und noch größerer Unbefangenheit ist die Durchlässigkeit von Diesseits und Jenseits im Bild festgehalten.

Wenn Sie sich nun umdrehen und rechts an der Vitrine von Rahotep und Nofret vorbeigehen, dann kommen Sie zu der Vitrine mit der Nr 39. In ihr ist eine besonders originelle Variante der Grabstatuen des Alten Reiches ausgestellt: die Familiengruppe des Zwergen Sennep mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Sennep hat sich in dieser Grabstatue - entgegen der Idealisierung - zu seinem Zwergenwuchs bekannt und wollte auch im Jenseits diesen individuellen Zug bei sich behalten.

Der Nebenraum Nummer 37 ist Hetepheres, der Mutter von Pharao Cheops gewidmet. Dort steht auch - in einer Vitrine an der Wand - die bekannte Elefenbeinstatue von Cheops.

Gehen Sie zurück zum Eingang des Raumes 31. Bevor Sie den Raum verlassen, steht auf der rechten Seite in einer großen Vitrine eine Kupferfigur, begleitet von einer kleineren Kupferfigur. Es ist der König Pepi I., aus dem Beginn der 6. Dynastie um 2300 vC und sein Sohn, der nachmalige König Merienre. Diese Kupferstatue ist die älteste, großformatige Metallskulptur aus Ägypten überhaupt. Ursprünglich war ihr Erscheinungsbild noch erheblich eindrucksvoller, denn der Schurz wird aus Gold- oder Silberblech bestanden haben und auf dem Kopf haben wir uns eine ebenfalls aus Edelmetall gearbeitete Krone vorzustellen. Das Ganze dürfte über einen hölzernen Kern gearbeitet worden sein.

Nach Verlassen des Raumes sehen Sie auf der gegenüberliegenden Seite ein großes Sandsteinrelief, das den König Niusere beim Erschlagen der Feinde Ägyptens zeigt. Das Interessante an diesem Felsenrelief ist, daß es von der Sinai-Halbinsel stammt. Dort haben die Ägypter bereits im Alten Reich feste Niederlassungen gehabt, insbesondere, um Kupfer und Lapislazuli, den Mineralreichtum des Sinai auszuschöpfen.

Durchqueren Sie nun weitergehend den Gallerie-Raum Nummwer 36 und biegen dann nach links in den Raum Nummer 42 ab. Das beherrschende Objekt in diesem Raum steht im Hintergrund, in der Raummitte, die überlebensgroße Sitzfigur des Königs Chephren, des Erbauers der zweitgrößten Pyramide von Giseh, die berühmte Statue des Chephren mit dem Falken. Wenn Sie sich ein wenig zur Seite stellen und die Figur von schräg rechts oder schräg links ansehen, vor allem aber, wenn Sie sie direkt im Profil betrachten, dann sehen Sie den kunstvollen Aufbau der Sitzfigur. Auf dem oberen Ende der Sitzlehne ist eine Falkenfigur abgebildet, die ihre Schwingen um den Kopf des Königs breitet.

Der König ist hier, wie sein Bart zeigt, der zwar nur noch zum Teil erhalten ist, nicht als der lebende Herrscher abgebildet, sondern als der bereits verstorbene, zu Osiris gewordene König. Der Falke hinter seinem Kopf symbolisiert den Gott Horus, den Sohn des Osiris. Und der Sitz mit seiner ausgeprägten Geometrie ist das Schriftzeichen für die Göttin Isis. So sind in dieser Gruppe Isis, der verstorbene König als Osiris und beider Kind Horus als eine göttliche Dreiergruppe, als eine göttliche Dreieinigkeit abgebildet. In dieser Statue überlebte der König - zu Osiris geworden - seinen Tod und geht als jenseitiger König in die Ewigkeit ein. Der Sitz, auf dem er Platz genommen hat, ist in Gestalt von Löwenleibern ausgebildet, Sie können rechts und links der Knie die Löwenköpfe erkennen. Wir haben die Vorstellung des löwengestaltigen Sitzes oder Bettes ja schon bei Tutanchamun kennengelernt. So nimmt auch hier der König auf dem löwengestaltigen Thron, auf dem löwengestaltigen Himmelstier Platz und tritt in den Kreislauf der Sonne ein. Diese Statue gilt wegen ihrer Größe, wegen ihres nahezu perfekten Erhaltungszustandes und ihrer künstlerischen Qualität als eines der bedeutendsten Kunstwerke des Alten Reiches, des 3. Jahrtausends vC.

Wenden Sie sich zurück zur Raummitte. Rechts in Richtung steht die Vitrine Nr. 40 die berühmte Holzfigur des Schech el beled, dem arabischen Wort für den Dorfbürgermeister. So ist diese so überaus lebendige, lebensvoll wirkende Figur von den Grabungsarbeitern im Moment ihrer Entdeckung genannt worden, weil sie ihrem damaligen Bürgermeister gleichsah. Der in ihr dargestellte Ka-aper, aus der späten 4. Dynastie gegen 2500 vC, blickt durch die mit Bergkristall eingelegten Augen ganz besonders lebendig. Aber seine Lebendigkeit rührt auch daher, daß er sich nicht an die Frontalität ägyptischer Skulpturen hält, sondern sich mit Kopf und Oberkörper ganz deutlich nach links aus der Frontachse herausdreht, und damit ganz deutlich eine Bewegung andeutet. So, als ob er sich gleich anschicken würde, einen Schritt zu tun.

Auf der gegenüberliegenden Seite, in der Nähe des Eingangs, zeigt die Vitrine Nr. 43 den sog. Kairo-Schreiber. Eine Schreiberfigur, wie wir sie an einem Beispiel der Spätzeit ganz am Anfang unseres Rundganges ja schon kennengelernt haben. Dieses Exemplar hier aus dem Alten Reich, aus der 5. Dynastie, ist ein frühes Beispiel für den Typus des der obersten Gesellschaftsschicht angehörigen Intellektuellen, der sich in seiner Berufsausübung als Schreibkundiger abbilden läßt.

Verlassen Sie nun diesen Raum, gehen nach links bis an die Treppe, und dort wieder nach links, mit Blick auf die große, runde Eingangshalle, wo wir das Museum betreten haben. Der vor uns liegende Gang (Raum Nummer 47) ist in der Mitte mit Vitrinen gefüllt. Gehen Sie an der linken Seite dieser Vitrinen vorbei bis zur 4. Vitrine (Nr. 53). In ihr sind besonders lebendig wirkende Figuren ausgestellt, die sich nicht an den Grundtypus der Stand-Schreitfigur, der Sitzfigur oder der Schreiberfigur halten, sondern die Männer und Frauen bei verschiedensten Tätigkeiten abbilden. Es sind nicht Grabstatuen, die den Verstorbenen für die Ewigkeit bewahren sollen, sondern es sind Dienerfiguren, die für den Grabherren als Diener für das Jenseits zur Verfügung stehen sollen. Die für ihn backen, malen und Bier brauen, und die bei verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten abgebildet sind. Wenn Sie sich an dieser Stelle umdrehen, auf die andere Seite, dann steht unmittelbar vor Ihnen eine der drei Gruppenstatuen des Königs Mykerinos, eine sog. Triade, da sie aus drei Figuren besteht.

Mykerions war der Erbauer der kleinsten der drei Pyramiden von Giseh am Ende der 4. Dynastie, gegen 2500 vC. Er ist, in der Mitte stehend, weit nach vorne ausschreitend dargestellt, geführt von zwei Göttinen. Auf der linken Seite die mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe ausgestattete Himmelsgöttin Hathor, seine himmlische Mutter. Auf der rechten Seite eine Gau-Gottheit in kleinerer Gestalt, mit dem Gauzeichen von Theben in Oberägypten auf dem Kopf. Himmlische Mutter auf der linken Seite, Personifikation des fruchtbaren ägyptischen Niltals auf der anderen Seite. In diesem Spannungsverhältnis von Erde und Himmel steht der König in der Mitte. Beachten Sie, welch kleinen Kopf dieser König Mykerinos hat. Das widerspricht den strengen Proportionsregeln der ägyptischen Kunst und zeigt ganz deutlich, daß der Wunsch des Künstlers und des Auftraggebers Portrait-Ähnlichkeit herzustellen, viel größer war als die Grundregeln, die sonst in der Herstellung von Statuen beachtet wurden.

Im Übergangsbereich zum runden Eingangsraum Nummer 48 steht die Vitrine der Nr. 16. In ihr ist die Sitzfigur des Erbauers der ältesten steinernen Pyramide Ägyptens, der Stufenpyramide von Sakkara, ausgestellt, die Sitzfigur des Königs Djoser. Die lebensgroße Sandsteinfigur zeigt den König in einen weißen Mantel eng eingehüllt, es ist das Gewand, das der König beim Regierungsjubiläum trägt. Sie zeigt also den König bei der ewig sich wiederholenden Feier seiner Regierungsjubiläen und garantiert ihm damit eine ewige Herrschaft. Die Augen waren ursprünglich vermutlich in Bergkristall eingelegt und sind bereits in der Antike ausgehackt worden.

Gehen Sie weiter in Richtung des großen Mittelatriums des Museums, in den Raum Nummer 43. In der Mitte steht die Vitrine Nr. 8, in der eines der wichtigsten Zeugnisse der ägyptischen Frühgeschichte aufbewahrt wird, die Narmer-Palette, d.h. eine Schieferplatte, die für kultische Zwecke, zum Anreiben von Augenschminke, verwendet worden sein kann, hier aber, in diesen großen Dimensionen, wahrscheinlich nur noch rein symbolisch diese Denkmälergruppe vertrat. Auf beiden Seiten ist diese Palette mit Reliefs geschmückt. Auf der einen Seite sehen wir den König, ausschreitend, in der erhobenen Hand eine Keule haltend, um einen vor ihm am Boden niedergeknieten, vom König am Schopf gehaltenen Feind zu erschlagen. Ein Siegesgestus - ein Symbolbild für den Weltherrschaftsanspruch des ägyptischen Königs. Auf der anderen Seite sehen wir das Bild von zwei ineinander verschlungenen Schlangenhals-Panthern. Sie bilden einen kreisrunden Napf, in dem man die Sonnencheibe erkennen könnte, die von den beiden Himmelstieren über den Himmel transportiert wird. Den oberen Abschluß der Palette bilden auf beiden Seiten Kuhköpfe. Hier ist wieder - schon in diesem sehr frühen Denkmal aus der Zeit um 3000 v Ch - die tiergestaltige Himmelsvorstellung in Gestalt einer Kuh angesprochen. Die Namer-Palette ist gleichzeitig eines der ältesten Schriftzeugnisse Ägyptens. Der König ist durch Beischriften eindeutig identifiziert. Es ist nicht irgendein früher König, es ist ein ganz bestimmter, namentlich bezeichneter Herrscher. Und somit haben wir hier, in der Namer-Palette, eines der frühen geschichtlichen Zeugnisse Ägyptens vor uns, ein Denkmal, das den Übergang von der schriftlosen, anonymen Vorgeschichte in die präzise bezeichnete, historische Ereignisse genau beschreibende Phase der Geschichte Ägyptens.

In der Vitrine Nr. 21 sind Holztafeln ausgestellt. Hier haben Sie nebeneinander drei Holzpaneele aus dem Grab des Hesire aus der 3. Dynastie, vor 2600 vC, aus einem in Ägypten sehr selten verwendeten Material. In äußerst feiner Schnitztechnik zeigen sie die Figur des Grabinhabers, stehend und sitzend. Besondere Beachtung verdienen die als kleine, meisterhaft gearbeitete Bilder ausgeführten Hieroglyphen der Beischriften, in denen Titel und Namen des Hesire aufgezeichnet sind. Hesire ist Leibarzt am königlichen Hof gewesen.

Der ägyptische Künstler hat hier in der Zweidimensionalität eines Reliefs versucht, die Dreidimensionalität des Vorbildes wiederzugeben, und er beherrscht in dieser sehr frühen Arbeit bereits meisterhaft die ägyptische Relieftechnik, die Vorderansicht und Seitansicht der abgebildeten Person in einer Abbildung zusammenführt. Welche die Augen z.B. von vorne zeigt, den Kopf aber im Profil, den Oberkörper in Frontalansicht, den Unterkörper und die Beine aber wiederum von der Seite. So entsteht ein zwar vollkommen unfotografisches, unnaturalistisches Bild, das aber doch in seiner Bildwirkung viel vollständiger ist als es irgendeine fotografische Abbildung sein könnte.

Wir gehen zurück in den Eingangsraum unter der großen Kuppel und wenden uns nocheinmal nach rechts, in die Richtung, aus der wir gerade schon gekommen sind. Gehen Sie an der linken Seite der Vitrinen in der Raummitte vorbei bis zum Ende dieses Ganges und biegen vor einer an den Pfeiler angelehnten, großen Granitfigur nach links ab durch einen engen Durchgang. An der linken Seite steht eine Vitrine mit einem Kalkstein-Sarkophag.

Hinter diesem Kalkstein-Sarkophag befindet sich ein auf der Seite liegender Granith-Sarkophag. Von der einen Seite her können Sie in die Sargwanne hineinschauen, die Öffnung weist zur Seite. Auf der anderen Seite stellen Sie fest, daß dieser Sarkophag einen doppeltstarken Boden hat, von dem ursprünglich der Deckel des Sarges hätte abgesägt werden sollen. Beim Absägen des Deckels aber zersprang der Stein. Man hat diesen Sarkophag unfertig liegengelassen. Und so bietet er uns heute ein hochinteressantes Beispiel dafür, mit welchen Mitteln Hartgestein - in diesem Fall Rosengranit - gesägt wurde. Sie sehen die Sägespuren. Und bei sorgfältiger Untersuchung hat man Kupferspuren festgestellt, so daß man mit Sicherheit annehmen kann, daß hier mit Drahtsägen gearbeitet wurde, wobei der Draht lediglich dazu diente, das eigentliche Schneidematerial, nämlich Schmirgelsandzu transportieren.

Wenn Sie nun das Museumsgebäude verlassen, werfen Sie doch noch einen Blick in den Museumsvorhof. Auf der linken Seite, auf der Südseite des Vorhofes, befindet sich das Grabmahl des französischen Ägyptologen August Mariette, der um 1850 in Ägypten auszugraben begann und einer der aktivsten Ägyptologen aller Zeiten gewesen ist. Er hat das Ägyptische Museum, genauer gesagt seinen Vorläufer, das Museum von Bulaq gegründet, er hat die ägyptische Altertümerverwaltung ins Leben gerufen und an 35 verschiedenen Plätzen des Landes mehrere Jahrzehnte lang ausgegraben. Er hat Karnak freigelegt, hat Edfu freigelegt, es wäre eine eigene Geschichte, das alles hier aufzuzählen.

Rings um den an altägyptischem Vorbild orientierten Sarkophag von Mariette, einem der Gründer der Ägyptologie, sind in einem Halbrund in zwei Etagen Portraitbüsten berühmter Ägyptologen bis hinein in die letzten Jahrzehnte aufgestellt. Darunter übrigens auch einige deutschsprachige, so z.B. Karl Richard Lepsius aus Berlin, ein Ägyptologe aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts.